Samstag, 12. Dezember 2009

Neuling II: Protest

Seit einigen Tagen ist es in meinem Inneren ruhig geworden. Bis dahin hat mich die ganze Entwicklung eher ziemlich umgetrieben, wie Ihr leicht feststellen konntet, wenn Ihr den Beitrag "Neuling I: Berufung" gelesen habt. Doch seit ein Gespräch letzten Mittwoch zieht entspannte Gelassenheit ein.

Kushu-Solii ist ein Freund aus Kamerun, der hier seine theologische Doktorarbeit schreibt. Er hat schon als Junge die Fokolarbewegung "gefunden" und gehört ihr heute als Priester an. Wir haben keine dicke, langjährige Freundschaft, es gibt keine großen Erlebnisse oder gemeinsamen Aktivitäten. Ich habe nicht gezögert, ihm zu helfen und er hat nie gezögert, mir zu helfen, und selbst nachts um drei könnte ich bei ihm anrufen, wenn ich in Not bin. Selbstredend er mich auch.
Wir waren bereits befreundet als ich auf die Bewegung stieß, aber mit dem, was in mir vorgeht, hat sich unsere Freundschaft verändert.

Schon richtig, man muss es erleben in der Fokolarbewegung: "Ich habe dir schon viel zu viel über die Bewegung gesagt...", meint er und ich finde das reichlich übertrieben. Er redet gar nicht darüber, wenn ich ihn nicht direkt frage. Natürlich nicht.

Ich protestiere! Ihr sprecht schließlich auch miteinander. Ihr seid froh und dankbar dafür. Wie soll ich das denn auf die Reihe kriegen, wenn keiner mit mir redet? Ich mache die ganze Zeit Erfahrungen. Was für welche auch immer. Das ist es ja: Ich kann gar nicht anders! Ich will darüber reden.

Irgendwann geht's einfach nicht mehr. Neuling hin oder her. Ich bin ununterbrochen von der Frage umgeben, was es heißt, das Evangelium zu leben.

Am Anfang gibt man Milch zu trinken... "statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht vertragen. Ihr könnt es aber auch jetzt noch nicht" (Paulus, 1. Brief nach Korinth 3,2)
Vergiß es. Ich mag Milch. Aber nicht um drin zu baden.
Ich kenne unseren Chef schon längst. Er hat mir das Leben gerettet. Mich komplett einmal umgestülpt und wieder zurück. Und nachher in die Katholische Kirche verfrachtet. Nicht immer mit Samthandschuhen. Asbesthandschuhe sind bei mir manchmal zweckmäßiger.


Ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet? (Matthäus 7,9)

Zwei reichen (Wo zwei oder drei... Matthäus 18,20), die in seinem Namen da sind, dass er da ist, sagt Jesus. Es ist eine eigenartig Erfahrung. Selbst bei meinem ersten Besuch im Frankfurter Fokolar hatte ich nicht das Gefühl, einfach einer einzelnen Person zu begegnen, sondern der Bewegung. Es gibt Dinge, da kann ich ein Gesicht herholen, antworten auf Fragen wie: "Wo arbeitest du?" oder: "Wie bist du zur Bewegung gekommen?". Bei anderen Dingen weiß ich genau, wer sie mir gesagt hat, aber sie sind überhaupt nicht mit der Person verbunden.

Man weiß nie, was man dem anderen mitteilt. Ich weiß, was ich sage, aber nie, was der andere hört. Das kann man als kommunikations-theoretische Binsenweisheit verstehen, sollte es aber nicht tun. Ich glaube nicht, dass Solii weiß, was er mir gesagt hat, es sei denn er liest hier nach. Obwohl ich mir sicher bin, dass er weiß, was er sagt.

Er erzählt mir ein Beispiel für den Umgang mit einem anderen Menschen. Aber ich begreife, wie ich liebevoller sein kann, in konkreten inneren Bildern, die ohne Zweifel umsetzbar sind.

Und weil ich etwas davon spüre, was mit der Gegenwart Jesu und mit Einheit gemeint ist, wenn es auch wenig sein mag, beginnt der Schmerz in mir spürbar zu werden. Richtig weh tut es noch nicht, aber weil ich diesen ineren Schmerz kenne, weiß ich mit einem Schlag, welche Sehnsucht mich in den letzten Wochen so umgetrieben hat: Ich habe ihn nicht als das spüren können, was er ist.

Kushu-Solii liest mir seinen Meditationstext vom letzten Abend vor: Chiara Lubich über den verlassenen Jesus, den, der am Kreuz Psalm 22,2 zitiert: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Markus 15,34) Der vielleicht stärkste Text, der mir von Chiara begegnet ist bisher. Ich weiß, dass das eine der zentralsten Themen überhaupt in der Fokolarbewegung ist.

Aber es ist jetzt etwas anderes, es wird gesprochen für mich. Auf einmal weiß ich, dass alles, was ich mitbringe an Erinnerung, an Wut und Verzweiflung und Grauen, an bodenloser Verlassenheit, darin aufgehoben sein wird. Es gibt nichts, was hier keinen Platz findet. Ich werde alles dem verlassenen Jesus mitbringen können - und nichts wird so sein wie vorher.

Es macht mich froh und glücklich. Es ist die andere Seite der Einheit. In mir beginnt es still zu werden.
Wer es fassen kann, der fasse es.

Ich sage Solii, dass es in mir anfängt weh zu tun, und er nickt und sieht mich an, und ich weiß, dass ich nichts erklären brauche. Nirgendwo ist Angst. Niemand macht ein Problem draus. Niemand schiebt Panik. Ich fühle mich endlich mal normal. Es ist so befreiend.

Und erzählen von den letzten Wochen, nur erzählen. Und da sein, lang genug, um es nicht bis zur nächsten Ecke wieder zu vergessen.


Schon in der Tür fragt Kushu-Solii, ob ich für ihn 12 "Gegrüßet seist du, Maria" bete, für die 12 Sterne der Krone Marias. Sicher, und ich halte normalerweise meine Versprechen.

Allerdings ein Ave Maria zu beten, das musste ich zuvor erstmal für mich selber tun, bevor ich für wen anderes beten kann. Ich brach dabei nämlich einfach in Tränen aus. Dass ich keine Beziehung zu Maria gehabt hätte, stimmt sicher nicht, und ich bin dabei auch nicht einfach in meiner evangelischen Vergangenheit hängen geblieben. Aber was jetzt geschah war, dass sich etwas öffnete. Nicht nur komplett unerwartet, sondern ohne dass ich vorher jemals auch nur einen Blick hinein getan hätte. Ich verstand, was ich sagte.

Was für ein unglaubliches Geschenk.
Als Teil der Kirche sowas sagen zu dürfen, ist ein einziger Lobpreis Christi.

Es gefällt mir sehr.
Auch die Sehnsucht ist noch da.
Der Schmerz wird kommen mit Jesus.
Und ich liebe ihn.

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