Gott wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein.
Offenbarung 21,3
Liebe blog-Leser,
das ist natürlich schon der Hammer, wenigstens für die, die in der Fokolarbewegung ein wenig zuhause sind: Da haben wir ein "Wort des Lebens", das zu einer der zentralen Aussagen der Spiritualität in der Fokolarbewegung passt: Mit "Jesus in der Mitte" zu leben, seine Gegenwart unter uns zu glauben und zu erleben. Und dann schreibe ich quasi niente darüber.
Ich habe Anfang des Monats ein wenig davon erzählt, wie die Gegenwart Gottes sich als Thema durch die Bibel zieht, und dann kam nichts mehr. In Wirklichkeit war ich gerade damit den ganzen Monat beschäftigt, und habe meine Leser darüber vernachlässigt...
Wir waren beim Neuen Jerusalem stehen geblieben. Das ist der Kontext, aus dem das "Wort des Lebens" stammt:
"Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu..."Klingt nicht sehr danach, wie wenn es um etwas gegenwärtiges ginge, um eine Gegenwart Gottes schon jetzt bei uns, um Jesu Gegenwart. Das klingt doch schon eher nach der Apokalypse, oder? Der Fahrplan für das Ende der Welt also?
Offenbarung des Johannes 21, 1-5
Nun, "apokalyptein" ist griechisch und bedeutet nichts anderes als "aufdecken" oder "enthüllen", oder eben "offenbaren", und deshalb heißt dieses biblische Buch auch "Apokalypse des Johannes" ebenso wie "Offenbarung des Johannes".
- Die Heilige Stadt, die vom Himmel her kommt
- Die Neue Schöpfung
- Die geschmückte Braut
- Die Wohnung Gottes bei den Menschen
- Das Ende von Tod und Leid
Wir befinden uns innerhalb der Tronsaal-Vision des Johannes. Er sieht den Tronsaal im Himmel. Das ist kein irdischer Eindruck, weder für die gegenwart noch für die Zukunft: Keine Wettervorhersage für die letzten Tage der Welt und kein Kursbuch in die Zukunft. Der Seher Johannes hat einen bildhaften Eindruck davon, was die Welt in der Gegenwart Gottes ausmacht.
Dahinter steht die Vorstellung, dass es eine uns unsichtbare Welt der Mächte und Gewalten gibt. Die Vorgänge dort bestimmen das Schicksal und die Vorgänge auf der Erde.
Auch für den Bereich Gottes gilt das: Was im Himmlischen Tronsaal geschieht, ist nicht einfach eine beliebige Zeremonie, die Gott bräuchte, um sich verehren zu lassen, oder eine virtuelle Welt des möglicherweise einst möglichen, sondern was dort geschieht, bestimmt die Herrschaftsverhältnisse hier bei uns. Nicht zukünftig, sondern jetzt.
Ohne dass man deshalb annehmen müsste, wir würden das 1 : 1 genau so erleben, denn die irdische Wet ist ja immer die "gemischte", die der Gegenwart Gottes, aber auch die, in der vieles noch nicht eingeholt ist in diese Gegenwart Gottes.
In traditioneller Sprache: Die "gefallene" Welt, in der die Sünde herrscht, die Gott entgegensteht.
Wen wir Eucharistie feiern, haben wir eine ganz ähnliche Vorstellung von der Liturgie:
"Wir bitten dich, allmächtiger Gott: Dein heiliger Engel trage diese Opfergabe auf deinen himmlischen Altar vor deine göttliche Herrlicheit; und wenn wir durch unsere Teilnahme am Altar den heiligen Leib und das Blut deines Sohnes empfangen, erfülle uns mit aller Gnade und allem Segen des Himmels."Hier wird eine Wechselwirkung der irdischen Liturgie mit der himmlischen vorausgesetzt: Der Engel, der Bote Gottes ist aufgefordert, die Gaben auf den himmlischen Altar zu bringen und umgekehrt kommen "Gnade und Segen des Himmels" von dort in unsere Welt in unsere Feier. Unsere Feier der Eucharistie ist Teilhebe an der Liturgie, die immer "im Himmel" am Tron Gottes und n seiner Gegenwart stattfindet.
Erstes Hochgebet (Römischer Messkanon) der Katholischen Kirche
Noch deutlicher wird das in der Liturgie der Ostkirche, die deshalb auch die "Göttliche Liturgie" genannt wird: Sie kennt einen Einzug und keinen Auszug, sondern ein zeitweiliges Eintreten in die ewige Liturgie, die immer schon geschieht.
Symbolisiert ist dies am deutlichsten in der typischen Anlage des Kirchenraumes: Die Ikonostase, eine mit Ikonen geschmückte Wand steht zwischen Altarraum und dem Aufenthaltsort der Gläubigen. Die Wand ist nicht als Trennung zu verstehen, sondern als Verbindung des irdischen und des himmlischen Bereichs. Darum ist sie oft über und über mit Ikonen geschmückt, den "Fenstern zum Himmel", wie sie gelegentlich genannt werden, die nicht als Bilder gedeutet werden, sondern als eine Möglichkeit, Christus zu begegnen.
Während der Eucharistiefeier wird das Evangelienbuch von dort hereingetragen. Die Tür in der Ikonostase wird geöffnet bzw. der Vorhang beiseite geschoben. Der Blick auf die himmlische Welt wird frei. Die "Göttliche Liturgie" ist jetzt Teil der himmlischen Welt. Von dort kommen die Gaben, Leib und Blut Christi, die wir empfangen, der sich uns in beständiger Hingabe selbst gibt.
Unser Leben als Christen lebt aus der Eucharistie, ja, aber eben genau deshalb, weil die Liturgie andauert, weil sie weiter geht, wenn wir den Kirchenraum verlassen, im Alltag unseres Lebens als Christen.
Genauso gilt das für die Gegenwart Gottes bei den Menschen: Sie ist da. Jesus will unter uns gegenwärtig sein. Und wir wissen es, denn wir erleben:
Jesus ist in unserer Mitte.
Auf zwei oder drei Zeugen hin verspricht er nicht nur, da zu sein...
"Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen."... wir erleben, wie dann etwas bei uns sich verändert, wie "es anders läuft". Wir spüren seine Gegenwart. Und auch andere spüren es, die manchmal gar nichts von Jesus wissen.
Evangelium nach Matthäus 18,20
Was habe ich also gemacht, wenn ich sage: Ich habe mich gerade damit den ganzen Monat beschäftigt?
Nun, ich bin Anfang des Monats das erste Mal selbst in Ottmaring gewesen, in der ökumenischen Siedlung, die die Fokolarbewegung gemeinsam mit der evangelischen Bruderschaft vom Gemeinsamen Leben unterhält. Ich habe es unendlich genossen, ein paar Tage nicht rausfallen zu können aus diesem "wo zwei oder drei", eingebunden zu sein.
Es war anstrengend, aber nicht, weil ich mich hätte anstrengen müssen, sondern weil es Veränderungen bewirkt und in Gang gesetzt hat. Immer mehr kommt etwas davon in meinem Alltag an, Beziehungen änden sich, Kontakte entstehen, ja auch Dinge bleiben nicht mehr liegen, auch das Geschirr ist abgespült.
Und dennoch bleibt, wenn ich hier zuhause sitze, das Heimweh. Aus dem Fokolar wegzugehen nach einem Besuch, tut weh.
Und es ist Feuer...
Bild 1: Das Neue Jerusalem, Beatus Facundes (1047), auf Wikimedia Commons
Bild 2: Buntes "Fenster" aus Kunstharz in Ottmaring, ein Symbol der Spiritualität der Fokolarbewegung