Dienstag, 6. April 2010

Raum in uns für das Leben

Wort des Lebens April 2010:

Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Evangelium nach Johannes 11,25

Chiara Lubich schreibt dazu:

"Diese Worte richtete Jesus nach dem Tod des Lazarus an dessen Schwester Marta...

Jesus... verfügt über das kostbarste Gut... das Leben... das nicht vergeht...

...Das göttliche Leben in den Gläubigen ist von derselben Natur wie das des auferstandenen Christus...
... wird sich in seiner Fülle am Letzten Tag zeigen...

Jesus bestreitet... nicht die Tatsache des physischen Todes...Doch er bedeutet nicht mehr... die Absurdität des Lebens... das Ende.

...Bei der Taufe... haben wir... das unsterbliche Leben erhalten.... den Geist, der Jesus auferweckt hat.

Voraussetzung... ist der Glaube... sich ganz...darauf einzulassen... Christus unser „Ja“ zu geben... und entsprechend zu leben.

... in einem Wort...Liebe.

...in dieser österlichen Zeit... Schaffen wir in uns Raum für den auferstandenen Christus..." 

Ganzer Text auf der Seite der Fokolarbewegung

Mittwoch, 17. März 2010

Glaubensgröße

Wort des Lebens März 2010:
Amen, das sage ich euch: Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rücke von hier nach dort!, und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein.
Evangelium nach Matthäus 17,20
Wie groß ist mein Glaube?
Senfkörner sind ziemlich klein. Schwarze noch kleiner als weiße.

Sollte man hinbringen, oder?

Aber Berge versetzen? Wer will schon Berge wegrücken? Aber ich glaube auch nicht, dass es mir gelänge.

Ich glaube da doch eher, dass der Berg aus hauptsächlich Stein besteht, eine unglaublich große Masse hat und dementsprechendes Gewicht und dass die Naturgesetzlichkeiten das also verbieten.

Nicht mal Jesus hat Bergmassive durch die Luft gewirbelt.

Gut, gut, übers Wasser Laufen ist auch schon nicht schlecht.

Nehmen wir also für den Moment mal an, dass Jesus das gekonnt hätte.
Nehmen wir außerdem an, dass wir das auch könnten, und dass wir nur nicht im Namen Jesu darum bitten können, weil es sicher nicht der Liebe entspricht, einen Berg zu bewegen, auf dem höchstwahrscheinlich Menschen leben usw.

Wie kriegt man den Berg weg?

Kleiner Glaube, große Wirkung.
Also ein bischen Glauben.
Hmm. 

Jesus benutzt noch mal das Senfkorn als Symbol für das ganz Kleine: In Markus 4, 31-32.

Dort geht es darum, dass das kleinste Samenkorn sehr groß werden kann: Schwarzer Senf nämlich. Botanisch gar keine Senfpflanze, aber trotzdem in unserer Senftube drin.

Der kann als einziger tatsächlich über zwei Meter hoch werden, wie das bei Markus 4, 31-32 vorausgesetzt ist. Und er wächst auch wirklich am See Genezareth.

Also: Das ganz Kleine wird ganz groß. Genau so geht es mit dem Reich Gottes, sagt Jesus.

Schwarzer Senf ist nicht ganz so groß wie ein Berg, aber immerhin, groß genug für die Vögel, um drin zu wohnen. Dafür gibt es ziemlich viele davon, für ziemlich viele Vögel. Und zwar überall da in der Gegend.


Vielleicht kennt Ihr den Rat, dass man den Berg, den man vor sich hat, in lauter kleine Haufen zerlegen soll, um ihn abzuarbeiten.
Also z.B. wenn du aufräumen musst und siehst den Zettel vor lauter Papierbergen nicht, dann nimm dir erst einen ein Eck vom Schreibtisch vor und stell dir den Papierkorb daneben, weil in aller Regel 3/4 sowieso gleich weg kann, und den Rest dann gleich erledigen oder dahin tun, wo er hin gehört.
Und wenn erstmal ein Stapel weg ist, geht's einem gleich besser und man hat wieder mehr Energie...

Wenn du also ganz viel zu tun hast, dann mach einfach eines nach dem anderen. Niemand schafft alles auf einmal.

Aber glauben musst du schon dran, dass du den Zettel vor dir, in der Lage bist, in den Papierkorb zu befördern.

Ist doch klar? Ja eben nicht. Wenn du den Wald vor lauter Bäumen nicht siehst, rutschst du in eine Blockade rein: "Das schaff ich ja eh nie..." und, jede Wette, du schaffst es nicht mal, einen einzigen Zettel in den Papierkorb zu werfen.

Was du brauchst ist durchhalten und einfach weiter machen. Es ist nicht der Zauberspruch, der mit einem Finger-Schnipp das Zimmer in den gewollten Zustand versetzt. Das wäre aber auch ziemlich idiotisch: Der eine zaubert einen Berg hierhin, der nächste lässt ihn anderswo hinhüpfen...

Sobald du aber nicht mehr auf den Berg starrst, sondern den kleinen Zettel in der Hand hast, ist auch gar kein Berg mehr da, sondern nur lauter einzelne Zettel.


Im Glauben ist das tatsächlich genau so: Man kann wohl nicht leicht glauben, dass sich der Berg hinweghebt und ins Meer wirft.
Aber vielleicht kannst du glauben, dass Gott dabei hilft, den Berg weg zu kriegen.

Vielleicht steht dann plötzlich ein ganze Mannschaft von Helfern vor der Tür. Soll schon vorgekommen sein. Oder deine Freundin ruft Dich an und ihr macht eine Aufräum-Partie zu zweit: Erst bei dir und dann bei ihr. Macht viel mehr Spaß zu zweit und ist dann auch einfacher, was weg zu werfen.


Das ist wie mit dem Schwarzen Senf. Zu zweit habt ihr schon an zwei Orten gepflanzt. Zwei Büsche für die Vögel.

Versuch's mal.



Bild 1: Matterhorn
Dirk Beyer: Matterhorn (Ostseite) gespiegelt im Riffelsee vom Ufer des Riffelsees aus, Wikimedia Commons (some rights reserved).
Bild 2: Schwarzer Senf
aus Köhlers Medizinalpfanzen, Brassica nigra, auf Wikimedia Commons.
Bild 3: Gebündelte Papierschnitsel
Taw: Piles of cardboard scraps at paper factory in Chojnów (Poland), auf Wikimedia Commons (some rights reserved).
Bild 4: Papierwurm
Wikimedia Commons, Edo de Roo: Muizetrappetje, auf Wikimedia Commons.
Bild 5: Nester in Bäumen
Bobanny: Heronry in Stanley Park, British Columbia, auf Wikimedia Commons.

Mittwoch, 3. März 2010

Berge der Gleichgültigkeit

Wort des Lebens März 2010

Der für März ausgewählte Text ist:
Amen, das sage ich euch: Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rücke von hier nach dort!, und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein.
Evangelium nach Matthäus 17,20

Chiara Lubich schreibt dazu:
"Wie oft... möchten wir, dass uns jemand zur Seite steht... spüren ...dass niemand unsere Situation lösen kann!
... jemanden, der das Unmögliche möglich machen kann...: Jesus.

... Jesus hat...nicht die Kraft verliehen, Aufsehen erregende Wunder zu wirken..
Jedes Wunder... hatte immer das Reich Gottes... oder das Heil der Menschen zum Ziel...
...echter Glaube verlässt sich einzig auf Gott und nicht auf die eigenen Fähigkeiten...

...Jesus...möchte...diese Haltung des vollen Vertrauens...
Ein solcher Glaube...ist nicht einigen wenigen...vorbehalten...

...Wir könnten leicht erschrecken...keine besondere Vorbereitung und Begabung... zahllosen Menschen die Wahrheit des Evangeliums bringen...

...Jesus verspricht uns, dass der Glaube die Berge der Gleichgültigkeit versetzen kann..."
Ganzer Text auf der Web-Site der Fokolarbewegung

Dienstag, 16. Februar 2010

Liebe Chiara...

Wort des Lebens Februar 2010: 
"Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden."
(Johannes 10,9)

Liebe Chiara,

jetzt muss ich mich mal wieder an Dich wenden, wegen Deinen Text zum Wort des Lebens.

Das ist doch mal wieder typisch: Jesus redet über ein Bildwort - er bezeichnet sich als die Tür - und Du redest schon wieder über den verlassenen Jesus! Wer soll denn das eigentlich verstehn?

Dass das miteinander zu tun hat, ist mir schon auch klar. Alles im Evangelium hat miteinander zu tun. Aber wieso musst Du dauernd beim Verlassenen Jesus landen? Kannst Du nicht erstmal beim Text bleiben?


Du willst sagen, man kommt rein durch die Tür, indem man dem verlassenen Jesus begegnet, der am Kreuz das "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen..." aus Psalm 22,2 in die Welt hinausschreit. Oder, wie schon geradezu formelhaft wiederholt wird: Den Verlassenen Jesus umarmt.


Formelhaft. Ja, das ist mein Stichwort: Mir fehlt der Kontext. Mir fehlt eine Erklärung dafür, was damit gemeint ist. Einfach so einen Text ans biblische "Wort des Lebens" dranklatschen und das dann in die Öffentlichkeit schieben - nee, das finde ich nicht fair.

Nämlich denen gegenüber, die sich nicht schon den in der Bewegung üblichen Sprachgebrauch zueigen gemacht und, nachdem sie jahrelang darüber meditiert haben, alle Facetten der Sache kennen und einfach mitdenken.

Im Prinzip hast Du ja recht: Zum anderen Menschen komme ich nur, wenn ich Jesus auch bei denen suche, bei denen er anscheinend nicht zu finden ist.
Auch bei anders Denkenden. Bei Andersgläubigen. Auch bei Kritikern. Ja auch dort, Jesus spricht zu uns manchmal gerade durch die, die uns Fragen stellen: Wenn ich mich von Jesus selbst danach fragen lasse, was davon denn ein tatsächlicher Anhaltspunkt dafür ist, dass ich irgendwo nicht Jesus selbst folge, sondern anderen Dingen.


Aber manchmal, Chiara, habe ich das Gefühl, dass manche dazu neigen, solche für die Fokolarbewegung typischen Wendungen untereinander wie Schlagworte zu gebrauchen. Worte, die sich verselbständigen. Wie wenn es eh schon klar wäre.

Und dann kann dabei glatt rauskommen, dass einer unter einer Situation leidet, aber keine Initiative mehr ergreift, um das zu ändern. Dass er stattdessen dies als Meditation des Verlassenen Jesus deklariert und darüber vergisst, dass er es ändern kann.
Vielleicht leidet er dann tatsächlich weniger an der Situation, ziemlich sicher sogar. Aber es ist blödsinnig: Wieso soll die Möglichkeit zur Änderung denn nicht von Gott kommen? Es trifft dann mal wieder die alte Religionskritik: "Opium des Volkes" zu sein.

Ich bin ja froh, dass Du das selber auch sagst, dass man was tun soll, zumindest für den anderen, der leidet. Ich meine, dass das für einen selbst auch gilt: Wenn ich etwas tun kann, um meine Situation zu verbessern, sollte ich, wenn nicht gewichtige Gründe dagegen sprechen, die Inititive ergreifen.
Ich soll nicht "über Leichen gehn" dabei. Ich brauche aber auch nicht meine Möglichkeiten verleugnen, wie wenn nicht mein kleiner Grips auch von Gott gegeben wäre.


Leiden ist nicht per se schon gut, auch dann nicht, wenn ich im Leiden noch immer Jesus begegnen kann.
Kann, nicht muss. Das Leiden selbst ist nicht Jesus, der leidet.

Darum begegnet man auch nicht im Leidenden schon immer Jesus, sondern nur, wenn man bereit und in der Lage ist, den Leidenden, den konkreten um den es geht, mit den Augen Gottes, mit dem Geist der Liebe anzusehen.
Sonst bleibt man in der Angst hängen. Wir hören in uns eine Stimme, die sagt: "Sieh wie die Welt ist: Das ist, was Gott für dich bereit hat."
Und die Angst gibt ihren Senf dazu: "grausam".


Ich kann mich selbst mit dem Leidenden konfrontieren lassen. Ich kann freiwillig dort aushalten, wo mir dieser begegnet, um des anderen willen. Ich kann auch um Christ willen in eine Meditation darüber eintreten, um mich darauf vorzubereiten, dieser Begegnung nicht vorschnell auszuweichen.

Ich kann aber kein Prinzip draus machen.
Ich darf es auch nicht von einem anderen verlangen, sonst verursache ich Leiden und pervertiere damit die Liebe in ihr Gegenteil.


Ich muss die Bezeichnung "Verlassener Jesus" gar nicht kennen. Es geht um einen Weg. Ihn zu gehen hilft, anderen als Menschen zu begegnen. Denen, die leiden, woran auch immer.  Auch denen, die keiner will.
Und das sind (manchmal) - wir alle.

Andernfalls schotte ich mich automatisch von allen ab, deren Schicksal ich lieber nicht begegnen will. Weil ich in ihnen nämlich immer meiner eigenen Angst begegne.

Und wo diese Angst mich hindert, trennt mich das von anderen.


Der Verlassene Jesus, der auch dem seelischen Tod der Gottverlassenheit begegnet - traditionell nennt man das die Hölle - ist nun wirklich nicht das letzte Wort!

Nicht weil Jesus von Gott verlassen ist, rettet er, sondern weil Jesus der Auferstandene auch der Verlassene ist: Er ist dort, wo man Gott am wenigsten vermutet, wo er nach der Vorstellung der allermeisten "gar nicht sein kann". Deshalb kann ich ihn sogar dort finden, im anderen, der trotz allem Mensch ist.

Siehst, Du, das ist, was ich meine:
Keine Leidensmystik.
Keine Schlagworte.
Nur die Tür.

Ich muss immer wieder selbst durch die Tür gehen.
Jesus ist die Tür, um durchzugehen - nicht die Perspektive dessen, der schon "dahinter" angekommen ist.


Wenn ich es nicht selbst erfahren hätte, dann würde ich davon gar nichts verstehen, dann würde ich hier sitzen und mich fragen, was Du eigentlich meinst mit dem Verlassenen Jesus als Tür.
Ich hab kein Schlagwort gebraucht. Es war die Entscheidung, nicht zu hassen.

Meinst Du nicht auch, wir sollten so reden, dass ganz gewöhnliche Christen, die gar nichts mit der Fokolarbewegung zu tun haben, uns verstehen?


Bild: Kruzifix in der Klosterkirche der Benediktinerinnen von St. Marien in Fulda

Die Tür am Kreuz

Wort des Lebens Februar 2010:


Der für Februar ausgewählte Text ist:
Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.
(Johannes 10,9)

Chiara Lubich schreibt dazu:
...Der Vergleich... wird... verständlicher durch ein anderes Bild: „Ich bin der Weg, niemand kommt zum Vater, außer durch mich.“
...An anderen Stellen ist... von der engen Pforte die Rede...

...Jesus [ist] zur weit geöffneten Tür geworden, die... Zugang zur Dreieinigkeit ermöglicht... als sich die Tür des Himmels für ihn zu schließen scheint, wird er selbst zur Tür des Himmels für uns alle.

Jesus... zum „Nichts“ geworden, eint... die Kinder mit dem Vater.
...ist Jesus gleichzeitig „enge Pforte“ und weit geöffnetes Tor...

Wenn wir... enttäuscht werden... ein Unglück kommt... können wir... an die Leiden Jesu denken...
...er ist gegenwärtig in allem, was schmerzlich ist...

Es genügt, ihm mit Glauben zu sagen: „Du bist mein Herr..." ...Konkretes zu tun, um „seine“ Leiden in denen der Armen und Unglücklichen zu lindern...
Ganzer Text auf der Seite der Fokolarbewegung

Sonntag, 31. Januar 2010

...und es ist Feuer

Wort des Lebens Januar 2010:
Gott wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein.
Offenbarung 21,3

Liebe blog-Leser,

das ist natürlich schon der Hammer, wenigstens für die, die in der Fokolarbewegung ein wenig zuhause sind: Da haben wir ein "Wort des Lebens", das zu einer der zentralen Aussagen der Spiritualität in der Fokolarbewegung passt: Mit "Jesus in der Mitte" zu leben, seine Gegenwart unter uns zu glauben und zu erleben. Und dann schreibe ich quasi niente darüber.

Ich habe Anfang des Monats ein wenig davon erzählt, wie die Gegenwart Gottes sich als Thema durch die Bibel zieht, und dann kam nichts mehr. In Wirklichkeit war ich gerade damit den ganzen Monat beschäftigt, und habe meine Leser darüber vernachlässigt...

Wir waren beim Neuen Jerusalem stehen geblieben. Das ist der Kontext, aus dem das "Wort des Lebens" stammt:
"Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu..."
Offenbarung des Johannes 21, 1-5
Klingt nicht sehr danach, wie wenn es um etwas gegenwärtiges ginge, um eine Gegenwart Gottes schon jetzt bei uns, um Jesu Gegenwart. Das klingt doch schon eher nach der Apokalypse, oder? Der Fahrplan für das Ende der Welt also?

Nun, "apokalyptein" ist griechisch und bedeutet nichts anderes als "aufdecken" oder "enthüllen", oder eben "offenbaren", und deshalb heißt dieses biblische Buch auch "Apokalypse des Johannes" ebenso wie "Offenbarung des Johannes".

Wenn ihr genau lest, merkt Ihr, dass hier verschiedene Bilder gebraucht werden:
  • Die Heilige Stadt, die vom Himmel her kommt
  • Die Neue Schöpfung
  • Die geschmückte Braut
  • Die Wohnung Gottes bei den Menschen
  • Das Ende von Tod und Leid
Das Neue Jerusalem wird im 21. Kapitel der Offenbarung des Johannes später noch eingehend beschrieben, und dann tauchen weitere Bilder wie das Wasser des Lebens auf. Das ganze biblische Buch ist voller bildhafter Anspielungen auf andere Texte des Alten und auch des Neuen Testaments, weil es später geschrieben ist als die Evangelien und die Briefe.

Wir befinden uns innerhalb der Tronsaal-Vision des Johannes. Er sieht den Tronsaal im Himmel. Das ist kein irdischer Eindruck, weder für die gegenwart noch für die Zukunft: Keine Wettervorhersage für die letzten Tage der Welt und kein Kursbuch in die Zukunft. Der Seher Johannes hat einen bildhaften Eindruck davon, was die Welt in der Gegenwart Gottes ausmacht.

Dahinter steht die Vorstellung, dass es eine uns unsichtbare Welt der Mächte und Gewalten gibt. Die Vorgänge dort bestimmen das Schicksal und die Vorgänge auf der Erde.
Auch für den Bereich Gottes gilt das: Was im Himmlischen Tronsaal geschieht, ist nicht einfach eine beliebige Zeremonie, die Gott bräuchte, um sich verehren zu lassen, oder eine virtuelle Welt des möglicherweise einst möglichen, sondern was dort geschieht, bestimmt die Herrschaftsverhältnisse hier bei uns. Nicht zukünftig, sondern jetzt.

Ohne dass man deshalb annehmen müsste, wir würden das 1 : 1 genau so erleben, denn die irdische Wet ist ja immer die "gemischte", die der Gegenwart Gottes, aber auch die, in der vieles noch nicht eingeholt ist in diese Gegenwart Gottes.
In traditioneller Sprache: Die "gefallene" Welt, in der die Sünde herrscht, die Gott entgegensteht.

Wen  wir Eucharistie feiern, haben wir eine ganz ähnliche Vorstellung von der Liturgie:
"Wir bitten dich, allmächtiger Gott: Dein heiliger Engel trage diese Opfergabe auf deinen himmlischen Altar vor deine göttliche Herrlicheit; und wenn wir durch unsere Teilnahme am Altar den heiligen Leib und das Blut deines Sohnes empfangen, erfülle uns mit aller Gnade und allem Segen des Himmels."
Erstes Hochgebet (Römischer Messkanon) der Katholischen Kirche
Hier wird eine Wechselwirkung der irdischen Liturgie mit der himmlischen vorausgesetzt: Der Engel, der Bote Gottes ist aufgefordert, die Gaben auf den himmlischen Altar zu bringen und umgekehrt kommen "Gnade und Segen des Himmels" von dort in unsere Welt in unsere Feier. Unsere Feier der Eucharistie ist Teilhebe an der Liturgie, die immer "im Himmel" am Tron Gottes und n seiner Gegenwart stattfindet.

Noch deutlicher wird das in der Liturgie der Ostkirche, die deshalb auch die "Göttliche Liturgie" genannt wird: Sie kennt einen Einzug und keinen Auszug, sondern ein zeitweiliges Eintreten in die ewige Liturgie, die immer schon geschieht.

Symbolisiert ist dies am deutlichsten in der typischen Anlage des Kirchenraumes: Die Ikonostase, eine mit Ikonen geschmückte Wand steht zwischen Altarraum und dem Aufenthaltsort der Gläubigen. Die Wand ist nicht als Trennung zu verstehen, sondern als Verbindung des irdischen und des himmlischen Bereichs. Darum ist sie oft über und über mit Ikonen geschmückt, den "Fenstern zum Himmel", wie sie gelegentlich genannt werden, die nicht als Bilder gedeutet werden, sondern als eine Möglichkeit, Christus zu begegnen.

Während der Eucharistiefeier wird das Evangelienbuch von dort hereingetragen. Die Tür in der Ikonostase wird geöffnet bzw. der Vorhang beiseite geschoben. Der Blick auf die himmlische Welt wird frei. Die "Göttliche Liturgie" ist jetzt Teil der himmlischen Welt. Von dort kommen die Gaben, Leib und Blut Christi, die wir empfangen, der sich uns in beständiger Hingabe selbst gibt.

Unser Leben als Christen lebt aus der Eucharistie, ja, aber eben genau deshalb, weil die Liturgie andauert, weil sie weiter geht, wenn wir den Kirchenraum verlassen, im Alltag unseres Lebens als Christen.

Genauso gilt das für die Gegenwart Gottes bei den Menschen: Sie ist da. Jesus will unter uns gegenwärtig sein. Und wir wissen es, denn wir erleben:
Jesus ist in unserer Mitte.

Auf zwei oder drei Zeugen hin verspricht er nicht nur, da zu sein...
"Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen."
Evangelium nach Matthäus 18,20
... wir erleben, wie dann etwas bei uns sich verändert, wie "es anders läuft". Wir spüren seine Gegenwart. Und auch andere spüren es, die manchmal gar nichts von Jesus wissen.

Was habe ich also gemacht, wenn ich sage: Ich habe mich gerade damit den ganzen Monat beschäftigt?
Nun, ich bin Anfang des Monats das erste Mal selbst in Ottmaring gewesen, in der ökumenischen Siedlung, die die Fokolarbewegung gemeinsam mit der evangelischen Bruderschaft vom Gemeinsamen Leben unterhält. Ich habe es unendlich genossen, ein paar Tage nicht rausfallen zu können aus diesem "wo zwei oder drei", eingebunden zu sein.

Es war anstrengend, aber nicht, weil ich mich hätte anstrengen müssen, sondern weil es Veränderungen bewirkt und in Gang gesetzt hat. Immer mehr kommt etwas davon in meinem Alltag an, Beziehungen änden sich, Kontakte entstehen, ja auch Dinge bleiben nicht mehr liegen, auch das Geschirr ist abgespült.

Und dennoch bleibt, wenn ich hier zuhause sitze, das Heimweh. Aus dem Fokolar wegzugehen nach einem Besuch, tut weh.

Und es ist Feuer...


Bild 1: Das Neue Jerusalem, Beatus Facundes (1047), auf Wikimedia Commons
Bild 2: Buntes "Fenster" aus Kunstharz in Ottmaring, ein Symbol der Spiritualität der Fokolarbewegung

Sonntag, 3. Januar 2010

Kleine Geschichte der Gegenwart Gottes

Wort des Lebens Januar 2010:
Gott wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein.
Offenbarung 21,3
Die Idee, dass Gott bei den Menschen eine Wohnung hat, ist sehr alt. Im zweiten Buch der Bibel lässt sich die "Herrlichkeit" Gottes auf dem Sinai nieder.
Die Herrlichkeit des Herrn ließ sich auf den Sinai herab... Die Erscheinung der Herrlichkeit des Herrn auf dem Gipfel des Berges zeigte sich vor den Augen der Israeliten wie verzehrendes Feuer.
Exodus / 2. Mose 24, 16-17
Das Wort, was wir im Deutschen mit "Herrlichkeit" wiedergeben, heißt auf hebräisch "Kawod" und kann auch "Ehre" oder "Schwere, Gewicht" heißen. Es steht für die Gegenwart Gottes.

Danach bauen die Israeliten das sogenannte Offenbarungszelt. Dort lässt die Herrlichkeit Gottes sich nieder und zieht so mit den Israel durch die Wüste: Gott wohnt bei den Menschen in Israel.


Später zieht die Herrlichkeit Gottes mit der Bundeslade in den Tempel in Jerusalem ein. Nun ist der Tempel und der Berg Zion der Ort der Gegenwart Gottes und das Zentrum Israels.

Aber nun ist etwas geschehen: Israel ist keine kleine Gruppe mehr, die mit Gott durch die Wüste zieht und so die Herrlichkeit Gottes jederzeit erfahrbar in der Nähe hat. Israel wohnt über das ganzen Land Israel verbreitet und nur zu den großen Festen pilgert man, wenn man kann, nach Jerusalem. Es gibt längst Fachleute für das Kultwesen...

Dann geht die Selbstregierung Israels und der Tempel verloren, die Oberschicht muss ins Exil. Schließlich die Rückkehr. Aber die großen Zeiten der Könige Israel sind vorbei.

Bei Ezechiel lesen wir:
So spricht Gott, der Herr: Ich hole die Israeliten aus den Völkern heraus, zu denen sie gehen mussten; ich sammle sie von allen Seiten und bringe sie in ihr Land. Ich mache sie in meinem Land, auf den Bergen Israels, zu einem einzigen Volk. Sie sollen alle einen einzigen König haben. Sie werden nicht länger zwei Völker sein und sich nie mehr in zwei Reiche teilen.
Ezechiel 37, 21-22
Auch der Tempel wird neu gebaut. Aber Ezechiel gibt eine Verheißung, die weiter geht:
Sie werden sich nicht mehr unrein machen durch ihre Götzen und Gräuel und durch all ihre Untaten. Ich befreie sie von aller Sünde, die sie in ihrer Untreue begangen haben, und ich mache sie rein. Dann werden sie mein Volk sein und ich werde ihr Gott sein. Mein Knecht David wird ihr König sein und sie werden alle einen einzigen Hirten haben. Sie werden nach meinen Rechtsvorschriften leben und auf meine Gesetze achten und sie erfüllen.
Ezechiel 37, 23-24
Genau das ist, was von Jesus gesagt wird. Das ist mehrere hundert Jahre später. Die Zusage Gottes wird von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Und schließlich fließen all die Zusagen Gottes, alles, was ihn selbst ausmacht, in einen Punkt, in eine Person zusammen: In Jesus, dem Christus, in dem Gott in Person zu den Menschen kommt, um bei ihnen zu wohnen.

Doch wie kann ein Mensch ewig bei den Menschen sein... wird Jesus dann nie sterben? -
Jesus stirbt, doch es ist nicht das Ende. Nun geschieht aber etwas neues, nach Ostern.

Paulus schreibt nach Korinth:
Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?
1. Brief des Paulus nach Korinth 3,16
Er schreibt das an die Korinthische Gemeinde. Die Christen, in ihrem Leib, sind ein Tempel Gottes geworden!


Paulus spricht von den Christen, wie Jesus vorher bereits von sich selbst!
Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber redete von dem Tempel seines Leibes. Als er nun auferstanden war von den Toten, dachten seine Jünger daran, dass er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesagt hatte.
Evangelium nach Johannes 2, 19-22
In den Christen vervielfacht sich der Tempel Gottes. Er wird überall zugänglich und bleibt, von einer Generation zur nächsten, und er wird mit ihrer Zahl immer größer...
Ich schließe mit ihnen einen Friedensbund; es soll ein ewiger Bund sein. Ich werde sie zahlreich machen. Ich werde mitten unter ihnen für immer mein Heiligtum errichten und bei ihnen wird meine Wohnung sein. Ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein. Wenn mein Heiligtum für alle Zeit in ihrer Mitte ist, dann werden die Völker erkennen, dass ich der Herr bin, der Israel heiligt. 
Ezechiel 37, 26-28
Es ist der Geist Gottes, der in den Christen wohnt, sagt uns Paulus weiter. Und im Geist Gottes, dem Geist der Liebe, die alles verbindet, ist Christus gegenwärtig. Er sagt:
Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.
Matthäus 18,20
Man könnte ebenso übersetzen: "bei ihnen", "zwischen ihnen" oder "in ihnen", und daller Erfahrung nach trifft das gleichzeitig zu.

Warum zwei oder drei? Warum genügt nicht einer, wenn jeder Tempel Gottes ist... so recht mag der moderne Mensch das nicht hören...

Im Alten Testament und ebenso im Neuen verweist die Formel "zwei oder drei" regelmäßig auf die Zeugenschaft. Ebenso bedeutet "im Namen Jesu", dass die, die hier auftreten, nicht für sich selbst sprechen, sondern für einen anderen. Wenige Sätze vorher sogar heißt es:
Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde.
Matthäus 18,16
Niemand sagt also, der Geist Gottes sei nicht im Christen, wenn kein anderer gerade bei ihm ist. Manchmal bleibt uns ja gar nichts anderes übrig, als auskommen zu müssen, ohne die Geschwister unmittelbar "greifbar" zu haben.

Aber nach außen wirken wir letztlich nur, wenn wir gemeinsam handeln. Das droht heute gerne aus dem Blick zu geraten.
Dabei geht es nicht drum, permanent zusammen zu klüngeln, sondern die Gemeinschaft zu wahren, egal was wir tun und wo wir uns gerade befinden.
Und gemeinsam Handeln heißt auch nicht, dass einer anschafft und die anderen es abnicken. Gemeinsam ist man nur, wenn alle das tun, wa Jesus will.

Denn genau für diese Gemeinschaft verspricht nun Jesus: "Dann bin ich selber da!"

So erfüllt sich, was der Prophet Ezechiel im Auftrag Gottes angekündigt hat.

Aber der kurze Text des "Wort des Lebens" stammt aus der Offenbarung des Johannes. Es ist vom Neuen Jerulalem die Rede. Liegt die Verwirklichung also erst in der Zukunft?

Damit wäre aber das Buch der Offenbarung falsch verstanden: Es geht darin viel weniger um eine zukünftige Zeit als um die Gegenwärtige. Es will uns zu einer Entscheidung aufrufen: Denn das Zukünftige ist bereits bei uns angebrochen.

Die Neue Stadt Jerusalem ist dort, wo Jesus gegenwärtig ist.


Bild 1: Hartmann Schedel (1440-1514), Hierosolima (Jerusalem), Liber cronicarum (Nürnberg 1493), auf Wikimedia Commons
Bild 2: shakko: Russische Ikone des Ezechiel, auf Wikimedia Commons


Bild 3: Bamberger Apokalypse, Das Neue Jerusalem auf Wikimedia Commons

Freitag, 1. Januar 2010

Gott wohnt bei uns

Wort des Lebens Januar 2010

Der für Januar ausgewählte Text ist:
"Gott wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein."
Offenbarung 21,3

Aus einem Text von Chiara Lubich, der uns etwas darüber sagt, wie Gott bei den Menschen gegenwärtig ist, und der ebenso das diesjährige Jahremotto "Gott ist Liebe" aufgreift:
... Was muss geschehen?... Die Botschaft Jesu ist Antwort... Er ist gekommen, um uns in seine Beziehung...zum Vater hineinzunehmen...
„Wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns“ (1. Johannes 4,12)... „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matthäus 18,20)

„Bei ihnen wird meine Wohnung sein...“ (Ezechiel 37,27) ...In Christus...schon Wirklichkeit...bei denen..., die sich sein Gebot der gegenseitigen Liebe zu Eigen machen...

„Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“...Nichts vermögen wir ohne seine Gegenwart. Sie gibt jener Geschwisterlichkeit Sinn...
Den Christen...ist...aufgetragen, der Welt... Beispiel... zu geben...: „Seht wie sie einander lieben und bereit sind, füreinander das Leben zu geben!“

Die Menschheit wartet auf dieses Zeugnis...
Mit ihm unter uns kann dieses Wunder gelingen...
Ganzer Text auf der Web-Site der Fokolarbewegung