Wort des Lebens Februar 2010:
"Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden."
(Johannes 10,9)
Liebe Chiara,
jetzt muss ich mich mal wieder an Dich wenden, wegen Deinen Text zum Wort des Lebens.
Das ist doch mal wieder typisch: Jesus redet über ein Bildwort - er bezeichnet sich als die Tür - und Du redest schon wieder über den verlassenen Jesus! Wer soll denn das eigentlich verstehn?
Dass das miteinander zu tun hat, ist mir schon auch klar. Alles im Evangelium hat miteinander zu tun. Aber wieso musst Du dauernd beim Verlassenen Jesus landen? Kannst Du nicht erstmal beim Text bleiben?
Du willst sagen, man kommt rein durch die Tür, indem man dem verlassenen Jesus begegnet, der am Kreuz das "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen..." aus Psalm 22,2 in die Welt hinausschreit. Oder, wie schon geradezu formelhaft wiederholt wird: Den Verlassenen Jesus umarmt.
Formelhaft. Ja, das ist mein Stichwort: Mir fehlt der Kontext. Mir fehlt eine Erklärung dafür, was damit gemeint ist. Einfach so einen Text ans biblische "Wort des Lebens" dranklatschen und das dann in die Öffentlichkeit schieben - nee, das finde ich nicht fair.
Nämlich denen gegenüber, die sich nicht schon den in der Bewegung üblichen Sprachgebrauch zueigen gemacht und, nachdem sie jahrelang darüber meditiert haben, alle Facetten der Sache kennen und einfach mitdenken.
Im Prinzip hast Du ja recht: Zum anderen Menschen komme ich nur, wenn ich Jesus auch bei denen suche, bei denen er anscheinend nicht zu finden ist.
Auch bei anders Denkenden. Bei Andersgläubigen. Auch bei Kritikern. Ja auch dort, Jesus spricht zu uns manchmal gerade durch die, die uns Fragen stellen: Wenn ich mich von Jesus selbst danach fragen lasse, was davon denn ein tatsächlicher Anhaltspunkt dafür ist, dass ich irgendwo nicht Jesus selbst folge, sondern anderen Dingen.
Aber manchmal, Chiara, habe ich das Gefühl, dass manche dazu neigen, solche für die Fokolarbewegung typischen Wendungen untereinander wie Schlagworte zu gebrauchen. Worte, die sich verselbständigen. Wie wenn es eh schon klar wäre.
Und dann kann dabei glatt rauskommen, dass einer unter einer Situation leidet, aber keine Initiative mehr ergreift, um das zu ändern. Dass er stattdessen dies als Meditation des Verlassenen Jesus deklariert und darüber vergisst, dass er es ändern kann.
Vielleicht leidet er dann tatsächlich weniger an der Situation, ziemlich sicher sogar. Aber es ist blödsinnig: Wieso soll die Möglichkeit zur Änderung denn nicht von Gott kommen? Es trifft dann mal wieder die alte Religionskritik: "Opium des Volkes" zu sein.
Ich bin ja froh, dass Du das selber auch sagst, dass man was tun soll, zumindest für den anderen, der leidet. Ich meine, dass das für einen selbst auch gilt: Wenn ich etwas tun kann, um meine Situation zu verbessern, sollte ich, wenn nicht gewichtige Gründe dagegen sprechen, die Inititive ergreifen.
Ich soll nicht "über Leichen gehn" dabei. Ich brauche aber auch nicht meine Möglichkeiten verleugnen, wie wenn nicht mein kleiner Grips auch von Gott gegeben wäre.
Leiden ist nicht per se schon gut, auch dann nicht, wenn ich im Leiden noch immer Jesus begegnen kann.
Kann, nicht muss. Das Leiden selbst ist nicht Jesus, der leidet.
Darum begegnet man auch nicht im Leidenden schon immer Jesus, sondern nur, wenn man bereit und in der Lage ist, den Leidenden, den konkreten um den es geht, mit den Augen Gottes, mit dem Geist der Liebe anzusehen.
Sonst bleibt man in der Angst hängen. Wir hören in uns eine Stimme, die sagt: "Sieh wie die Welt ist: Das ist, was Gott für dich bereit hat."
Und die Angst gibt ihren Senf dazu: "grausam".
Ich kann mich selbst mit dem Leidenden konfrontieren lassen. Ich kann freiwillig dort aushalten, wo mir dieser begegnet, um des anderen willen. Ich kann auch um Christ willen in eine Meditation darüber eintreten, um mich darauf vorzubereiten, dieser Begegnung nicht vorschnell auszuweichen.
Ich kann aber kein Prinzip draus machen.
Ich darf es auch nicht von einem anderen verlangen, sonst
verursache ich Leiden und pervertiere damit die Liebe in ihr Gegenteil.
Ich muss die Bezeichnung "Verlassener Jesus" gar nicht kennen. Es geht um einen Weg. Ihn zu gehen hilft, anderen als Menschen zu begegnen. Denen, die leiden, woran auch immer. Auch denen, die keiner will.
Und das sind (manchmal) - wir alle.
Andernfalls schotte ich mich automatisch von allen ab, deren Schicksal ich lieber nicht begegnen will. Weil ich in ihnen nämlich immer meiner eigenen Angst begegne.
Und wo diese Angst mich hindert, trennt mich das von anderen.
Der Verlassene Jesus, der auch dem seelischen Tod der Gottverlassenheit begegnet - traditionell nennt man das die Hölle - ist nun wirklich nicht das letzte Wort!
Nicht weil Jesus von Gott verlassen ist, rettet er, sondern weil Jesus der Auferstandene auch der Verlassene ist: Er ist dort, wo man Gott am wenigsten vermutet, wo er nach der Vorstellung der allermeisten "gar nicht sein kann". Deshalb kann ich ihn sogar dort finden, im anderen, der trotz allem Mensch ist.
Siehst, Du, das ist, was ich meine:
Keine Leidensmystik.
Keine Schlagworte.
Nur die Tür.
Ich muss immer wieder selbst durch die Tür gehen.
Jesus ist die Tür, um durchzugehen - nicht die Perspektive dessen, der schon "dahinter" angekommen ist.
Wenn ich es nicht selbst erfahren hätte, dann würde ich davon gar nichts verstehen, dann würde ich hier sitzen und mich fragen, was Du eigentlich meinst mit dem Verlassenen Jesus als Tür.
Ich hab kein Schlagwort gebraucht. Es war die Entscheidung, nicht zu hassen.
Meinst Du nicht auch, wir sollten so reden, dass ganz gewöhnliche Christen, die gar nichts mit der Fokolarbewegung zu tun haben, uns verstehen?
Bild: Kruzifix in der Klosterkirche der Benediktinerinnen von
St. Marien in Fulda