Posts mit dem Label verlassener Jesus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label verlassener Jesus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 16. Februar 2010

Liebe Chiara...

Wort des Lebens Februar 2010: 
"Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden."
(Johannes 10,9)

Liebe Chiara,

jetzt muss ich mich mal wieder an Dich wenden, wegen Deinen Text zum Wort des Lebens.

Das ist doch mal wieder typisch: Jesus redet über ein Bildwort - er bezeichnet sich als die Tür - und Du redest schon wieder über den verlassenen Jesus! Wer soll denn das eigentlich verstehn?

Dass das miteinander zu tun hat, ist mir schon auch klar. Alles im Evangelium hat miteinander zu tun. Aber wieso musst Du dauernd beim Verlassenen Jesus landen? Kannst Du nicht erstmal beim Text bleiben?


Du willst sagen, man kommt rein durch die Tür, indem man dem verlassenen Jesus begegnet, der am Kreuz das "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen..." aus Psalm 22,2 in die Welt hinausschreit. Oder, wie schon geradezu formelhaft wiederholt wird: Den Verlassenen Jesus umarmt.


Formelhaft. Ja, das ist mein Stichwort: Mir fehlt der Kontext. Mir fehlt eine Erklärung dafür, was damit gemeint ist. Einfach so einen Text ans biblische "Wort des Lebens" dranklatschen und das dann in die Öffentlichkeit schieben - nee, das finde ich nicht fair.

Nämlich denen gegenüber, die sich nicht schon den in der Bewegung üblichen Sprachgebrauch zueigen gemacht und, nachdem sie jahrelang darüber meditiert haben, alle Facetten der Sache kennen und einfach mitdenken.

Im Prinzip hast Du ja recht: Zum anderen Menschen komme ich nur, wenn ich Jesus auch bei denen suche, bei denen er anscheinend nicht zu finden ist.
Auch bei anders Denkenden. Bei Andersgläubigen. Auch bei Kritikern. Ja auch dort, Jesus spricht zu uns manchmal gerade durch die, die uns Fragen stellen: Wenn ich mich von Jesus selbst danach fragen lasse, was davon denn ein tatsächlicher Anhaltspunkt dafür ist, dass ich irgendwo nicht Jesus selbst folge, sondern anderen Dingen.


Aber manchmal, Chiara, habe ich das Gefühl, dass manche dazu neigen, solche für die Fokolarbewegung typischen Wendungen untereinander wie Schlagworte zu gebrauchen. Worte, die sich verselbständigen. Wie wenn es eh schon klar wäre.

Und dann kann dabei glatt rauskommen, dass einer unter einer Situation leidet, aber keine Initiative mehr ergreift, um das zu ändern. Dass er stattdessen dies als Meditation des Verlassenen Jesus deklariert und darüber vergisst, dass er es ändern kann.
Vielleicht leidet er dann tatsächlich weniger an der Situation, ziemlich sicher sogar. Aber es ist blödsinnig: Wieso soll die Möglichkeit zur Änderung denn nicht von Gott kommen? Es trifft dann mal wieder die alte Religionskritik: "Opium des Volkes" zu sein.

Ich bin ja froh, dass Du das selber auch sagst, dass man was tun soll, zumindest für den anderen, der leidet. Ich meine, dass das für einen selbst auch gilt: Wenn ich etwas tun kann, um meine Situation zu verbessern, sollte ich, wenn nicht gewichtige Gründe dagegen sprechen, die Inititive ergreifen.
Ich soll nicht "über Leichen gehn" dabei. Ich brauche aber auch nicht meine Möglichkeiten verleugnen, wie wenn nicht mein kleiner Grips auch von Gott gegeben wäre.


Leiden ist nicht per se schon gut, auch dann nicht, wenn ich im Leiden noch immer Jesus begegnen kann.
Kann, nicht muss. Das Leiden selbst ist nicht Jesus, der leidet.

Darum begegnet man auch nicht im Leidenden schon immer Jesus, sondern nur, wenn man bereit und in der Lage ist, den Leidenden, den konkreten um den es geht, mit den Augen Gottes, mit dem Geist der Liebe anzusehen.
Sonst bleibt man in der Angst hängen. Wir hören in uns eine Stimme, die sagt: "Sieh wie die Welt ist: Das ist, was Gott für dich bereit hat."
Und die Angst gibt ihren Senf dazu: "grausam".


Ich kann mich selbst mit dem Leidenden konfrontieren lassen. Ich kann freiwillig dort aushalten, wo mir dieser begegnet, um des anderen willen. Ich kann auch um Christ willen in eine Meditation darüber eintreten, um mich darauf vorzubereiten, dieser Begegnung nicht vorschnell auszuweichen.

Ich kann aber kein Prinzip draus machen.
Ich darf es auch nicht von einem anderen verlangen, sonst verursache ich Leiden und pervertiere damit die Liebe in ihr Gegenteil.


Ich muss die Bezeichnung "Verlassener Jesus" gar nicht kennen. Es geht um einen Weg. Ihn zu gehen hilft, anderen als Menschen zu begegnen. Denen, die leiden, woran auch immer.  Auch denen, die keiner will.
Und das sind (manchmal) - wir alle.

Andernfalls schotte ich mich automatisch von allen ab, deren Schicksal ich lieber nicht begegnen will. Weil ich in ihnen nämlich immer meiner eigenen Angst begegne.

Und wo diese Angst mich hindert, trennt mich das von anderen.


Der Verlassene Jesus, der auch dem seelischen Tod der Gottverlassenheit begegnet - traditionell nennt man das die Hölle - ist nun wirklich nicht das letzte Wort!

Nicht weil Jesus von Gott verlassen ist, rettet er, sondern weil Jesus der Auferstandene auch der Verlassene ist: Er ist dort, wo man Gott am wenigsten vermutet, wo er nach der Vorstellung der allermeisten "gar nicht sein kann". Deshalb kann ich ihn sogar dort finden, im anderen, der trotz allem Mensch ist.

Siehst, Du, das ist, was ich meine:
Keine Leidensmystik.
Keine Schlagworte.
Nur die Tür.

Ich muss immer wieder selbst durch die Tür gehen.
Jesus ist die Tür, um durchzugehen - nicht die Perspektive dessen, der schon "dahinter" angekommen ist.


Wenn ich es nicht selbst erfahren hätte, dann würde ich davon gar nichts verstehen, dann würde ich hier sitzen und mich fragen, was Du eigentlich meinst mit dem Verlassenen Jesus als Tür.
Ich hab kein Schlagwort gebraucht. Es war die Entscheidung, nicht zu hassen.

Meinst Du nicht auch, wir sollten so reden, dass ganz gewöhnliche Christen, die gar nichts mit der Fokolarbewegung zu tun haben, uns verstehen?


Bild: Kruzifix in der Klosterkirche der Benediktinerinnen von St. Marien in Fulda

Die Tür am Kreuz

Wort des Lebens Februar 2010:


Der für Februar ausgewählte Text ist:
Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.
(Johannes 10,9)

Chiara Lubich schreibt dazu:
...Der Vergleich... wird... verständlicher durch ein anderes Bild: „Ich bin der Weg, niemand kommt zum Vater, außer durch mich.“
...An anderen Stellen ist... von der engen Pforte die Rede...

...Jesus [ist] zur weit geöffneten Tür geworden, die... Zugang zur Dreieinigkeit ermöglicht... als sich die Tür des Himmels für ihn zu schließen scheint, wird er selbst zur Tür des Himmels für uns alle.

Jesus... zum „Nichts“ geworden, eint... die Kinder mit dem Vater.
...ist Jesus gleichzeitig „enge Pforte“ und weit geöffnetes Tor...

Wenn wir... enttäuscht werden... ein Unglück kommt... können wir... an die Leiden Jesu denken...
...er ist gegenwärtig in allem, was schmerzlich ist...

Es genügt, ihm mit Glauben zu sagen: „Du bist mein Herr..." ...Konkretes zu tun, um „seine“ Leiden in denen der Armen und Unglücklichen zu lindern...
Ganzer Text auf der Seite der Fokolarbewegung

Samstag, 12. Dezember 2009

Neuling II: Protest

Seit einigen Tagen ist es in meinem Inneren ruhig geworden. Bis dahin hat mich die ganze Entwicklung eher ziemlich umgetrieben, wie Ihr leicht feststellen konntet, wenn Ihr den Beitrag "Neuling I: Berufung" gelesen habt. Doch seit ein Gespräch letzten Mittwoch zieht entspannte Gelassenheit ein.

Kushu-Solii ist ein Freund aus Kamerun, der hier seine theologische Doktorarbeit schreibt. Er hat schon als Junge die Fokolarbewegung "gefunden" und gehört ihr heute als Priester an. Wir haben keine dicke, langjährige Freundschaft, es gibt keine großen Erlebnisse oder gemeinsamen Aktivitäten. Ich habe nicht gezögert, ihm zu helfen und er hat nie gezögert, mir zu helfen, und selbst nachts um drei könnte ich bei ihm anrufen, wenn ich in Not bin. Selbstredend er mich auch.
Wir waren bereits befreundet als ich auf die Bewegung stieß, aber mit dem, was in mir vorgeht, hat sich unsere Freundschaft verändert.

Schon richtig, man muss es erleben in der Fokolarbewegung: "Ich habe dir schon viel zu viel über die Bewegung gesagt...", meint er und ich finde das reichlich übertrieben. Er redet gar nicht darüber, wenn ich ihn nicht direkt frage. Natürlich nicht.

Ich protestiere! Ihr sprecht schließlich auch miteinander. Ihr seid froh und dankbar dafür. Wie soll ich das denn auf die Reihe kriegen, wenn keiner mit mir redet? Ich mache die ganze Zeit Erfahrungen. Was für welche auch immer. Das ist es ja: Ich kann gar nicht anders! Ich will darüber reden.

Irgendwann geht's einfach nicht mehr. Neuling hin oder her. Ich bin ununterbrochen von der Frage umgeben, was es heißt, das Evangelium zu leben.

Am Anfang gibt man Milch zu trinken... "statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht vertragen. Ihr könnt es aber auch jetzt noch nicht" (Paulus, 1. Brief nach Korinth 3,2)
Vergiß es. Ich mag Milch. Aber nicht um drin zu baden.
Ich kenne unseren Chef schon längst. Er hat mir das Leben gerettet. Mich komplett einmal umgestülpt und wieder zurück. Und nachher in die Katholische Kirche verfrachtet. Nicht immer mit Samthandschuhen. Asbesthandschuhe sind bei mir manchmal zweckmäßiger.


Ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet? (Matthäus 7,9)

Zwei reichen (Wo zwei oder drei... Matthäus 18,20), die in seinem Namen da sind, dass er da ist, sagt Jesus. Es ist eine eigenartig Erfahrung. Selbst bei meinem ersten Besuch im Frankfurter Fokolar hatte ich nicht das Gefühl, einfach einer einzelnen Person zu begegnen, sondern der Bewegung. Es gibt Dinge, da kann ich ein Gesicht herholen, antworten auf Fragen wie: "Wo arbeitest du?" oder: "Wie bist du zur Bewegung gekommen?". Bei anderen Dingen weiß ich genau, wer sie mir gesagt hat, aber sie sind überhaupt nicht mit der Person verbunden.

Man weiß nie, was man dem anderen mitteilt. Ich weiß, was ich sage, aber nie, was der andere hört. Das kann man als kommunikations-theoretische Binsenweisheit verstehen, sollte es aber nicht tun. Ich glaube nicht, dass Solii weiß, was er mir gesagt hat, es sei denn er liest hier nach. Obwohl ich mir sicher bin, dass er weiß, was er sagt.

Er erzählt mir ein Beispiel für den Umgang mit einem anderen Menschen. Aber ich begreife, wie ich liebevoller sein kann, in konkreten inneren Bildern, die ohne Zweifel umsetzbar sind.

Und weil ich etwas davon spüre, was mit der Gegenwart Jesu und mit Einheit gemeint ist, wenn es auch wenig sein mag, beginnt der Schmerz in mir spürbar zu werden. Richtig weh tut es noch nicht, aber weil ich diesen ineren Schmerz kenne, weiß ich mit einem Schlag, welche Sehnsucht mich in den letzten Wochen so umgetrieben hat: Ich habe ihn nicht als das spüren können, was er ist.

Kushu-Solii liest mir seinen Meditationstext vom letzten Abend vor: Chiara Lubich über den verlassenen Jesus, den, der am Kreuz Psalm 22,2 zitiert: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Markus 15,34) Der vielleicht stärkste Text, der mir von Chiara begegnet ist bisher. Ich weiß, dass das eine der zentralsten Themen überhaupt in der Fokolarbewegung ist.

Aber es ist jetzt etwas anderes, es wird gesprochen für mich. Auf einmal weiß ich, dass alles, was ich mitbringe an Erinnerung, an Wut und Verzweiflung und Grauen, an bodenloser Verlassenheit, darin aufgehoben sein wird. Es gibt nichts, was hier keinen Platz findet. Ich werde alles dem verlassenen Jesus mitbringen können - und nichts wird so sein wie vorher.

Es macht mich froh und glücklich. Es ist die andere Seite der Einheit. In mir beginnt es still zu werden.
Wer es fassen kann, der fasse es.

Ich sage Solii, dass es in mir anfängt weh zu tun, und er nickt und sieht mich an, und ich weiß, dass ich nichts erklären brauche. Nirgendwo ist Angst. Niemand macht ein Problem draus. Niemand schiebt Panik. Ich fühle mich endlich mal normal. Es ist so befreiend.

Und erzählen von den letzten Wochen, nur erzählen. Und da sein, lang genug, um es nicht bis zur nächsten Ecke wieder zu vergessen.


Schon in der Tür fragt Kushu-Solii, ob ich für ihn 12 "Gegrüßet seist du, Maria" bete, für die 12 Sterne der Krone Marias. Sicher, und ich halte normalerweise meine Versprechen.

Allerdings ein Ave Maria zu beten, das musste ich zuvor erstmal für mich selber tun, bevor ich für wen anderes beten kann. Ich brach dabei nämlich einfach in Tränen aus. Dass ich keine Beziehung zu Maria gehabt hätte, stimmt sicher nicht, und ich bin dabei auch nicht einfach in meiner evangelischen Vergangenheit hängen geblieben. Aber was jetzt geschah war, dass sich etwas öffnete. Nicht nur komplett unerwartet, sondern ohne dass ich vorher jemals auch nur einen Blick hinein getan hätte. Ich verstand, was ich sagte.

Was für ein unglaubliches Geschenk.
Als Teil der Kirche sowas sagen zu dürfen, ist ein einziger Lobpreis Christi.

Es gefällt mir sehr.
Auch die Sehnsucht ist noch da.
Der Schmerz wird kommen mit Jesus.
Und ich liebe ihn.