Wenn Kunst Irritationen hervorruft, wundert sich heute keiner mehr. Manche versprühen sich dann vor Enthusiasmus, andere sind pikiert und der Rest winkt schon von weitem ab. Manchmal scheint die "Kunst" im Aufsehen-Erregen zu bestehen.
Annemaries Kunst ist ganz anders.
Sie ist still und dabei voller Kraft.
Sie kann warten bis du Zeit für sie hast.
Etwas Zeit wollen die Bilder schon haben.
Dafür schenken sie dir alle Energie, die die Künstlerin in sie hineingearbeitet hat, ihre Liebe, Leidenschaft und Hoffung. Sie rufen dich in die Tiefe deiner Seele, wo deine eigene Sehnsucht wartet.
Ich würde gerne ein Meditationhaus bauen, nur um sie so aufhängen zu können, wie ich sie empfinde.
Sie scheinen mir gar nicht zu passen in dieses Ambiente von Präsentieren und Repräsentieren und Redenhalten, wie es zu einer Vernissage und zu einem Rat- und Bürgerhaus gehört. Auch wenn so viele Freunde da sind und die Atmosphäre gar nichts Gekünsteltes an sich hat. Ich unterhalte mich, fast hätte ich gar nicht alles angeschaut.
Sie scheinen sich einfach zu schämen, die Bilder, wenn man sie so der Reihe nach beglotzt.
Glaubst du nicht? Bilder können sich nicht schämen? Die Bilder verschwinden einfach, wenn man sie so unverholen gierig ansieht, sie verstecken sich dann hinter ihrer Färbung. Aber das sind sie gar nicht.
Du musst dich davor stellen. Und warten. Und sie reden lassen. Und dann sprechen sie zu dir. So wie nur die liebende Gegenwart von dem ganz Unaussprechlichen es weiß. Vielleicht sogar etwas, was du gar nicht wissen wolltest.
Einige sind als kleine Serie erkennbar. Die Farbspiele, die feinen Nuancen, klettern von einem Bild in das nächste. Die Einzelnen kommunizieren, man kann sie sprechen sehen, über die Grenzen der Welten hinweg, die sie öffnen.
Mit einem anderen möchte man ganz allein sein. Möchte es retten vor dem Lärmen und den naherückenden Nachbarwerken. Es errichtet Wände eines Schutzraumes, dessen man plötzlich zu bedürfen meint. Nur um sich ihm, das sich dem Betrachter ausliefert, hinzugeben.
Eines öffnet die Tür zum Licht. Die Sehnsucht ist schon hindurchgeschlüpft. Und man steht vergessend, sieht. Sieht.
Ein anderes schmerzt unter lichter Gewalt. Verwurzelt in Erde und Himmel, berstend aus der Achse gerissen. Schon rinnt blaues Licht aus dem Boden.
Was mehr?
Kann man es überhaupt allein mit so einem Bild im Raum aushalten?
Und da, sind das Bäume oder sind es Menschen? Sich erhebend Wurzelnde, liebend einander freilassend, umkreisen den Blick füreinander, nackt für solches Licht in ihrer Mitte, das sie zueinander umfängt.
Ich verschwinde für einige Augenblicke aus diesem Drumherum, wie vorhin zu zweit aus dem S-Bahnhof.
Aber die Vernissage holt mich doch wieder ein. Und das ist ja das eigentliche: Menschen. Und da sprechen mich plötzlich Leute an, die mein Gesicht, diesen blog kennen. Plötzlich weiß man, dass es jemand gelesen hat. Jemand, der mir das erste Mal in echt begegnet.
Nur etwas daran irritiert mich völlig: Sie sprechen mich erstmal mit "Sie" an. Ich hab noch zu niemandem in der Bewegung "Sie" gesagt.
Ich tu es auch jetzt nicht. Es bringt mich schier ganz durcheinander. Wenn Du also einer von denen bist, die mich dort das erste Mal getroffen haben, dann entschuldige, falls ich etwas daneben gewesen sein sollte.
Ich fühle mich wie eines von Annemaries Bildern, wie es ratlos auf einer Vernissage im Rathaus steht.
Ehmm, ja.
Ich verschwinde dann mal ganz ungeniert hinter meiner
Färbung.
Nein, ich bin noch da. Ah, da ist Annemarie. Und da kommt Dieter. Lebendige Ikonen sind doch die besten. Die von Gott gemachten.
Auch wenn Annemaries Bilder sowas wie lebendig sind.
Jedes Bild hat seinen Heiligen, sagt Annemarie zu uns. Ich glaube, der beschützt gar nicht so viel das Bild. Der hilft den Leuten, die es anschauen, ins Reich Gottes zu sehen. Wie Heilige und Ikonen das eben so machen.
Andrew wartet schon. Bis bald.