Donnerstag, 31. Dezember 2009

"Gott ist Liebe" - Jahresmotto 2010


Ich grüße Euch und wünsche Euch allen einen guten Rosch, einen guten Anfang für 2010.

Ihr müsst also nirgends hin Rutschen, der Ausspruch kommt aus dem Jiddischen in unsere Sprache. "Rosch" ist hebräisch und bedeutet "Kopf" oder "Anfang". Daraus wurde bei denen, die es nicht verstanden, ein "guter Rutsch" ins nächste Jahr.

Man hat sich also einfach einen guten Jahresanfang gewünscht.


Neben dem "Wort des Lebens", das es jeden Monat neu gibt, hat auch jedes Jahr ein eigenes Motto. Für 2010 ist eines der für uns zentralsten Schriftstellen überhaupt gewählt worden:
"Gott ist Liebe"
1. Brief des Johannes 4, Vers 8 und 16
Der beste Kommentar dazu ist der von Johannes selbst. Es steckt aber so viel in seinem Text drin, dass es nicht leicht zu verstehen ist und man mindestens ein Jahr - am besten das ganze Leben - daran meditieren kann.


Der ganze Text im ersten Brief des Johannes lautet:
Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.
Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.
Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat. Und wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott. Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat.
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.

Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
1. Brief des Johannes 4, 7-21


Heute ist es Allgemeingut, davon zu sprechen, das Gott Liebe ist. Als Chiara damals darauf stieß und mit ihren ersten Gefährtinnen beschloss, diese Liebe durch ihr Leben sichtbar werden zu lassen, war dies keineswegs so.

Gerechtigkeit wurde mit Gott in Verbindung gebracht, Hoheit, Ehre, Allmacht... aber Liebe?
Auch wenn es nie ganz vergessen war: Unter Liebe stellte man sich eher Liebesdienste vor, gute Taten, Caritas. Etwas, was Menschen tun. Eine Aufgabe, die dem Christen geboten war.
Aber nicht das Wesen Gottes selbst.

Am Anfang dieses Semesters wurden wir in unserer Gruppe von der Geistlichen Ausbildung gefragt, was wir für das wichtigste an der Botschaft Jesu halten. Die häufigste Antwort war: Dass Gott Liebe ist.

Das sagt Jesus so gar nicht wörtlich in den Evangelien, das sagt Johannes in seinem Brief. Dennoch ist es für die Mehrheit die Zusammenfassung dessen, was die Sendung Jesu ausmacht: Die Botschaft, die identisch ist mit Gott selbst. In Jesus ist die Liebe Gottes erschienen unter uns (1. Brief des Johannes 4,9).

Denn
"Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm."
(1. Brief des Johannes 4,16)
Das ist, was Jesus ist und was er gelebt hat.
Ihm sollen wir gleich werden.

Aber nicht durch fromme Handlungen und vorgeschriebene Dienstleistungen.
Sondern aus einem Handeln, das aus der Gemeinschaft mit Christus selbst hervorgeht, der unter uns gegenwärtig ist.



Ein in der Liebe Gottes gesegnetes Jahr 2010! 



Bild 1: Thomas Wolf (Der Wolf im Wald): Sylvesterfeuerwerk in Frankfurt am Main (some rights reserved), auf Wikipedia.

Bild 2: César Astudillo: Christmas light tree in Moncloa-Aravaca district in Madrid (Spain) (some rights reserved) auf Flickr.

Freitag, 25. Dezember 2009

Weihnachten!

Christus ist geboren! Gott ist zu uns gekommen und will unter uns wohnen!



Ich wünsche Euch ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Ich komme gerade von unserer Deutsch-Afrikanischen (Kamerun, Kongo, Uganda) Weihnachtsfeier. Erst Messe in der englischsprachigen Gemeinde, dann zu acht mit Wein, Plätzchen und Panettone und Weihnachtsliedern zur Gitarre. Na klar, sogar mit Tannenzweigen und meiner Krippe, die in jede Tasche passt.

Möge Christus unter Euch sein an jedem Tag. Möge er durch Euch zur Welt kommen.
Möge jeder Tag ein Weihnachtstag sein...

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Vor-Weihnachts-Bemerkung


Manchmal, wenn ich in Offenbach so über den kleinen, bescheidenen Weihnachtsmarkt schlendere, sehe ich in strahlende Gesichter und leuchtende Augen.

Und ich denke: Vielleicht ist Jesus doch da, selbst zwischen Würstchenbuden, gebrannten Mandeln und dem Stand mit Bauchtanzschmuck.

Sonntag, 20. Dezember 2009

4. Advent - Christen glauben nicht an den Weihnachtsmann

Der Weihnachtsmann ist schon eine recht alberne Gestalt. Kein Wunder, dass die Leute Weihnachten für ein Kinderfest halten und es Erwachsene bestenfalls mit nostalgischen Gefühlen erfüllt.



Und für ebenso alberne Gestalten halten sie die Christen, mit denen dieses Fest doch irgendwie zusammen hängt.

Kennt Ihr das? Irgendwas läuft nicht so, wie die Leute sich das vorstellen. Und sie wollen irgendwas von uns. Es muss genauso laufen, wie sie es sich in den Kopf setzen. Und dann kommt: "Du bist doch Christ. Du musst das doch machen. Sonst ist das keine Nächstenliebe."

Komischerweise passiert mir das in letzter Zeit nicht. Möglicherweise spüren die Leute, dass das "gefährlich" ist, denn es kann ihnen passieren, dass sie sich mitten im Gespräch wiederfinden. Ich vermute, es wird auch keiner mutmaßen, dass ich an den Weihnachtsmann glaube, wenn ich den Mund aufmache.

Ich warte in der Tat nicht auf den Weihnachtsmann, sondern auf das Kommen Christi. Allerdings finde ich manches süßliche Weihnachtsbildchen, holder Knabe im lockigen Haar, fast noch schlimmer als den Weihnachtsmann. Und zwar deshalb, weil es so offensichtlich den verkitscht, den ich liebe.

Nun ist Jesus freilich als Kind geboren, und Menschen haben generell die Tendenz, Babys süß zu finden. Vor allem, wenn's nicht die eigenen sind.

Aber ich muss doch mal sagen, dass Jesus wirklich als Mensch geboren wurde, dass seine Mutter ihn garantiert unter Schmerzen auf die Welt gebracht hat. Die erste Geburt kann ziemlich lange dauern, und nirgndwo in der Bibel wird dieser Prozess einfach übersprungen oder abgekürzt.

Meistens ist das auch bei uns so, wenn Jesus bei uns ankommt und in uns zur Welt kommt. Abkürzungen gibt's nicht, und schmerzhaft ist es manches Mal auch. Abkürzen geht ganz einfach deshalb nicht, weil wir als Christen nirgendwo hin kommen, wenn wir versuchen, an ihm selbst vorbei etwas zu tun. Ist ja auch logisch.

Aber das ist weder süßlich noch lammfromm.

So einen albernen Jesus gibt's einfach nicht.

Aber das Herz Marias bewahrt alle Worte, die über ihn gesagt sind. Und sie küsst ihn und umarmt ihn.


Bild 2:
Bubamara: Adventný veniec I auf wikimedia commons

Sonntag, 13. Dezember 2009

3. Advent - Freut Euch!

Heute morgen als ich in die Kirche kam, fragte ich mich: "Wer ist denn gestorben?"

Der Pfarrer zog still in Prozession ein. Sprach davon, dass einem im Advent auch anderes begegnen kann als das erwartete und ließ außer "Wir sagen euch an..." kein einziges Adventslied singen. Die Predigt drehte sich dementsprechend darum, aktiv zu werden, um Not zu lindern. Das "Unerwartete" war klar Programm. Ich denke, der stille Einzug sollte besinnlich wirken.

Vermutlich sind auch Menschen gestorben, aber das ist nicht der Anlass dieser Sonntagsmesse gewesen. Obwohl die Texte permanent von der Freude sprachen - es ist ja auch der Sonntag "Gaudete" ("Freut euch")- konnte ich mich des Eindrucks einer Friedhofsstimmung nicht entziehen. Selbst wenn man vielleicht abziehen muss, dass ich selbst gerade recht glücklich bin.

"Gott liebt einen fröhlichen Geber", sagt Paulus im 2. Brief an die Korinther (9,7).

Ich habe gewiss nichts gegen Predigten, die auf die Not bei uns und in der Welt aufmerksam machen. Und ganz gewiss nichts gegen Besinnung. Ich frage mich nur, wieso beides nicht mit Freude vereinbar ist.

Ich meine keinesfalls, dass der Tod und die Trauer nicht thematisiert werden dürfen, aber genau darum ging es ja gar nicht. Es ist nur schlicht ein Widerspruch zwischen Text und Atmosphäre. Möglicherweise beabsichtigt, doch was, meine ich, geschieht, ist anderes: Nicht die Situation derer, die dringend unserer Hilfe bedürfen, macht uns traurig, sondern diese Menschen werden in den Gedanken der Hörer selbst mit einem Trauerflor umgeben, wie wenn sie am traurigen Advent die Schuld trügen.

Tun sie nicht.

Und die Armen dürfen gefällist auch ohne uns fröhlich sein und müssen nicht allein unser Bedürfnis der Anerkennung unserer guten, barmherzigen Werke erfüllen. Wenn sie betrübt sind, auch das ist ihr gutes Recht. Sie müssen nicht mal dankbar uns zunicken.
Sie dürfen, freilich. Aber sie sind ganz einfach Menschen, die Armen wie die Reichen. Es gibt keinen "guten Geber" in diesem Spiel, sondern nur Menschen mit Bedürfnissen.

Und alle wollen leben. Alle wollen anerkannt sein. Alle wollen glücklich sein.

Freut Euch! Und nocheinmal sage ich: Freut Euch!
Christus befreit uns dazu, ein fröhlicher Geber zu werden.


Bild: Peter Becker: Candles in the dark (some rights reserved) auf flickr

Neuling III: Loslassen

Gestern morgen erwachte ich mit einem inneren Bild vor Augen: Ein Pflanze sprießt hervor, kräftig und grün.
Allerdings bin ich die Blumenzwiebel in der Erde.
Die Pflanze wächst schnell. Wie sie aussehen wird, weiß ich nicht.

Jedenfalls werde ich immer lebendiger.

Neuling I: Berufung und Neuling II: Protest tragen das Datum des gestrigen Tages, weil ich sie gestern freigeschaltet habe, sie sind aber weitgehend in den Tagen davor schon entstanden. Es steckt in ihnen so viel an Dingen, die mich zutiefst berühren,  dass ich darüber erst schlafen musste, bevor ich sie Euch weitergebe.
Neuling III: Loslassen ist der erste Text der Serie, der ebenso live geschrieben ist, wie sonst die Posts zum Wort des Lebens.

Was hier passiert, in den letzten Tagen vor allem, ist etwas ganz wunderbares. Am besten ist es mit dem Wort "Loslassen" zu beschreiben.

Schon sehr zu Anfang nach meinem Besuch im Fokolar, noch bevor ich auch nur in Hübingen mit gewesen bin, begann sich die ständige Sorge einfach aufzulösen. Zunächst die, was ich nach dem Studium überhaupt machen werde, wo mein Platz ist. Die Frage ist nicht aus der Welt, sie ist immer mehr der Gewissheit gewichen, dass Gott mein Leben in der Hand hat und die Sorge so überflüssig ist wie unsinnig, angesichts meines beschränkten Blicks.
Bis ich fertig sein werde, werde ich, nebenbei bemerkt, wichtige Dinge ohnehin nicht mehr für mich allein in meinem Zimmer entscheiden.

Gelegentlich schwappt bei mir wie eine Woge von etwas "anderem" herein. Dinge die, scheint mir, als Gedanken längst da gewesen sind. Nur sind sie nie fühlbar geworden.

Ich weiß z.B. nicht mehr, wieso ich einen Schrank voll Bücher hier stehen habe, die keiner außer mir benutzt.

Ich frage mich, wieso ich die Türen nicht weiter aufmache und Leute hereinlasse und wofür ich so geizig bin. Ob andere das so empfinden, ist mir gleich. Ich habe keine moralischen Ansprüche, ich finde es unlogisch.

Ich meine durchaus nicht, dass ich die Welt um mich herum nicht mehr verstehe, mein Verstand scheint mir durchaus intakt. Ich finde lediglich mich selbst darin absurd.

Meine innere Landkarte von der Welt kennt keine Grenzen. Und  mir scheint fast als halte sich meine Seele auch gar nicht an einem bestimmten Ort auf, während ich durch Offenbach schlendere, denn ich bin mit so vielen Menschen überall auf der Welt verbunden. Ich habe sie noch nie gesehen, aber ich fühle mich tatsächlich von ganz vielen umgeben.

Die auffälligste Veränderung: Ich bin um so vieles gelassener all den Dingen gegenüber, die mir nicht behagen. Die Dinge müssen nicht meine Ansprüche erfüllen. Indem ich meinen Ort finde, kann ich die anderen so sein lassen, wie sie sind.

Ich bin gespannt, wie's weiter geht.

Samstag, 12. Dezember 2009

Neuling II: Protest

Seit einigen Tagen ist es in meinem Inneren ruhig geworden. Bis dahin hat mich die ganze Entwicklung eher ziemlich umgetrieben, wie Ihr leicht feststellen konntet, wenn Ihr den Beitrag "Neuling I: Berufung" gelesen habt. Doch seit ein Gespräch letzten Mittwoch zieht entspannte Gelassenheit ein.

Kushu-Solii ist ein Freund aus Kamerun, der hier seine theologische Doktorarbeit schreibt. Er hat schon als Junge die Fokolarbewegung "gefunden" und gehört ihr heute als Priester an. Wir haben keine dicke, langjährige Freundschaft, es gibt keine großen Erlebnisse oder gemeinsamen Aktivitäten. Ich habe nicht gezögert, ihm zu helfen und er hat nie gezögert, mir zu helfen, und selbst nachts um drei könnte ich bei ihm anrufen, wenn ich in Not bin. Selbstredend er mich auch.
Wir waren bereits befreundet als ich auf die Bewegung stieß, aber mit dem, was in mir vorgeht, hat sich unsere Freundschaft verändert.

Schon richtig, man muss es erleben in der Fokolarbewegung: "Ich habe dir schon viel zu viel über die Bewegung gesagt...", meint er und ich finde das reichlich übertrieben. Er redet gar nicht darüber, wenn ich ihn nicht direkt frage. Natürlich nicht.

Ich protestiere! Ihr sprecht schließlich auch miteinander. Ihr seid froh und dankbar dafür. Wie soll ich das denn auf die Reihe kriegen, wenn keiner mit mir redet? Ich mache die ganze Zeit Erfahrungen. Was für welche auch immer. Das ist es ja: Ich kann gar nicht anders! Ich will darüber reden.

Irgendwann geht's einfach nicht mehr. Neuling hin oder her. Ich bin ununterbrochen von der Frage umgeben, was es heißt, das Evangelium zu leben.

Am Anfang gibt man Milch zu trinken... "statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht vertragen. Ihr könnt es aber auch jetzt noch nicht" (Paulus, 1. Brief nach Korinth 3,2)
Vergiß es. Ich mag Milch. Aber nicht um drin zu baden.
Ich kenne unseren Chef schon längst. Er hat mir das Leben gerettet. Mich komplett einmal umgestülpt und wieder zurück. Und nachher in die Katholische Kirche verfrachtet. Nicht immer mit Samthandschuhen. Asbesthandschuhe sind bei mir manchmal zweckmäßiger.


Ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet? (Matthäus 7,9)

Zwei reichen (Wo zwei oder drei... Matthäus 18,20), die in seinem Namen da sind, dass er da ist, sagt Jesus. Es ist eine eigenartig Erfahrung. Selbst bei meinem ersten Besuch im Frankfurter Fokolar hatte ich nicht das Gefühl, einfach einer einzelnen Person zu begegnen, sondern der Bewegung. Es gibt Dinge, da kann ich ein Gesicht herholen, antworten auf Fragen wie: "Wo arbeitest du?" oder: "Wie bist du zur Bewegung gekommen?". Bei anderen Dingen weiß ich genau, wer sie mir gesagt hat, aber sie sind überhaupt nicht mit der Person verbunden.

Man weiß nie, was man dem anderen mitteilt. Ich weiß, was ich sage, aber nie, was der andere hört. Das kann man als kommunikations-theoretische Binsenweisheit verstehen, sollte es aber nicht tun. Ich glaube nicht, dass Solii weiß, was er mir gesagt hat, es sei denn er liest hier nach. Obwohl ich mir sicher bin, dass er weiß, was er sagt.

Er erzählt mir ein Beispiel für den Umgang mit einem anderen Menschen. Aber ich begreife, wie ich liebevoller sein kann, in konkreten inneren Bildern, die ohne Zweifel umsetzbar sind.

Und weil ich etwas davon spüre, was mit der Gegenwart Jesu und mit Einheit gemeint ist, wenn es auch wenig sein mag, beginnt der Schmerz in mir spürbar zu werden. Richtig weh tut es noch nicht, aber weil ich diesen ineren Schmerz kenne, weiß ich mit einem Schlag, welche Sehnsucht mich in den letzten Wochen so umgetrieben hat: Ich habe ihn nicht als das spüren können, was er ist.

Kushu-Solii liest mir seinen Meditationstext vom letzten Abend vor: Chiara Lubich über den verlassenen Jesus, den, der am Kreuz Psalm 22,2 zitiert: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Markus 15,34) Der vielleicht stärkste Text, der mir von Chiara begegnet ist bisher. Ich weiß, dass das eine der zentralsten Themen überhaupt in der Fokolarbewegung ist.

Aber es ist jetzt etwas anderes, es wird gesprochen für mich. Auf einmal weiß ich, dass alles, was ich mitbringe an Erinnerung, an Wut und Verzweiflung und Grauen, an bodenloser Verlassenheit, darin aufgehoben sein wird. Es gibt nichts, was hier keinen Platz findet. Ich werde alles dem verlassenen Jesus mitbringen können - und nichts wird so sein wie vorher.

Es macht mich froh und glücklich. Es ist die andere Seite der Einheit. In mir beginnt es still zu werden.
Wer es fassen kann, der fasse es.

Ich sage Solii, dass es in mir anfängt weh zu tun, und er nickt und sieht mich an, und ich weiß, dass ich nichts erklären brauche. Nirgendwo ist Angst. Niemand macht ein Problem draus. Niemand schiebt Panik. Ich fühle mich endlich mal normal. Es ist so befreiend.

Und erzählen von den letzten Wochen, nur erzählen. Und da sein, lang genug, um es nicht bis zur nächsten Ecke wieder zu vergessen.


Schon in der Tür fragt Kushu-Solii, ob ich für ihn 12 "Gegrüßet seist du, Maria" bete, für die 12 Sterne der Krone Marias. Sicher, und ich halte normalerweise meine Versprechen.

Allerdings ein Ave Maria zu beten, das musste ich zuvor erstmal für mich selber tun, bevor ich für wen anderes beten kann. Ich brach dabei nämlich einfach in Tränen aus. Dass ich keine Beziehung zu Maria gehabt hätte, stimmt sicher nicht, und ich bin dabei auch nicht einfach in meiner evangelischen Vergangenheit hängen geblieben. Aber was jetzt geschah war, dass sich etwas öffnete. Nicht nur komplett unerwartet, sondern ohne dass ich vorher jemals auch nur einen Blick hinein getan hätte. Ich verstand, was ich sagte.

Was für ein unglaubliches Geschenk.
Als Teil der Kirche sowas sagen zu dürfen, ist ein einziger Lobpreis Christi.

Es gefällt mir sehr.
Auch die Sehnsucht ist noch da.
Der Schmerz wird kommen mit Jesus.
Und ich liebe ihn.

Neuling I: Berufung

Neulich sprach Professor P. Michael Schneider SJ in Dogmatik über Berufung. Er sagte ungefähr sowas:
Wenn es Berufung ist, passt alles. Es ist alles genau so, wie man es sich vorgestellt hat.
Es gibt verschiedenste Berufungen, nicht nur zum Priester oder Ordenschrist. Es ist das, wie Gott einen Menschen gedacht hat. Darum passt es genau zu ihm.
Berufung kann man nicht wählen, man kann nur darauf antworten (oder sie verfehlen). 
Wahrscheinlich hätte ich ihm das ein paar Monate früher schlicht nicht geglaubt. Das mit dem "alles passt". Oder hätte mich gefragt, ob Gott für mich nichts passendes übrig hat. Ich musste ehrlich lachen.

Es ist jetzt drei Monate her, dass ich in Frankfurt im Fokolar war und kurz darauf auch dieser Blog geboren wurde. Sieben Wochen später durfte ich mit nach Hübingen fahren und auf dem Vorbereitungstreffen erstmals ein wenig "Mariapoli-Luft" schnuppern.

Darüber habe ich hier wenig berichtet. Das liegt daran, dass ich komplett platt war. Ich meine nicht nur überrascht, das auch. Ich war tierisch müde. Nicht vom Vorbereiten, Wandern, Reden, Zuhören, Messe feiern usf., keine Spur. Mich holte schon auf der Heimfahrt die Wirkung dessen ein, was ich dort erlebt habe.

Das hat so sehr in mir etwas in Bewegung gesetzt, dass ich schon im Zug fast weggepennt wäre. Ich kann kaum behaupten, dass es mir schlecht gegangen ist. Es hat eine gute Woche gedauert, um einigermaßen zu realisieren, dass das echte Menschen sind, mit denen ich hier in Kontakt getreten bin, dass ich das nicht geträumt habe. Meine Träume unerfüllter Sehnsucht - eher die wachen und betenden - sahen dem einfach zum verwechseln ähnlich. Nur dass es sich jetzt anfühlte.

Extrem gut fühlte sich das an. Etwas "high" zu sein davon am Anfang, ist, glaube ich, verzeihlich.

In diesen ersten drei Monaten seit dem ersten Kontakt passiert ständige Veränderung mit mir. Und ich bin voll kaum zu bändigender Sehnsucht nach mehr.
Die Überraschungen, die bei der Landung auf einer Web-Site begonnen haben, setzten sich fort: Immer mehr Andockstellen an ganz unerwarteter Stelle.

Mehr noch: Es ist, wie wenn mein ganzes Leben in einem Punkt zusammenfließt.

Und manchmal fühle ich mich hilflos, weil ich so gar nichts tun kann, und reichlich alleingelassen. Ja, auch das.
Zu viel hat nur darauf gewartet, seinen Ort und sein Ziel zu finden. Und strebt jetzt nach Verwirklichung. So ist es manchmal nur Warten. Wie die Kinder, wenn sie jeden Tag dreimal fragen: "Mama, wann ist Weihnachten?"

Den Rest hätte ich unserem P. Scneider geglaubt, aber nicht, dass es so ist, wie man es sich vorgestellt hat. Und im übrigen: Doch nicht ich...? Und haben da nicht andere eine tüchtige Portion mit zu reden...? Ich bin notorisch ungläubig in solchen Dingen.

Ich würde eher sterben als wieder zu gehen.
Und ich wünschte, ich könnte jemanden fragen, der es wissen muss: "Ist das sehr schlimm... ich meine... dass ich bleiben möchte?"