Donnerstag, 31. Dezember 2009

"Gott ist Liebe" - Jahresmotto 2010


Ich grüße Euch und wünsche Euch allen einen guten Rosch, einen guten Anfang für 2010.

Ihr müsst also nirgends hin Rutschen, der Ausspruch kommt aus dem Jiddischen in unsere Sprache. "Rosch" ist hebräisch und bedeutet "Kopf" oder "Anfang". Daraus wurde bei denen, die es nicht verstanden, ein "guter Rutsch" ins nächste Jahr.

Man hat sich also einfach einen guten Jahresanfang gewünscht.


Neben dem "Wort des Lebens", das es jeden Monat neu gibt, hat auch jedes Jahr ein eigenes Motto. Für 2010 ist eines der für uns zentralsten Schriftstellen überhaupt gewählt worden:
"Gott ist Liebe"
1. Brief des Johannes 4, Vers 8 und 16
Der beste Kommentar dazu ist der von Johannes selbst. Es steckt aber so viel in seinem Text drin, dass es nicht leicht zu verstehen ist und man mindestens ein Jahr - am besten das ganze Leben - daran meditieren kann.


Der ganze Text im ersten Brief des Johannes lautet:
Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.
Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.
Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat. Und wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott. Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat.
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.

Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
1. Brief des Johannes 4, 7-21


Heute ist es Allgemeingut, davon zu sprechen, das Gott Liebe ist. Als Chiara damals darauf stieß und mit ihren ersten Gefährtinnen beschloss, diese Liebe durch ihr Leben sichtbar werden zu lassen, war dies keineswegs so.

Gerechtigkeit wurde mit Gott in Verbindung gebracht, Hoheit, Ehre, Allmacht... aber Liebe?
Auch wenn es nie ganz vergessen war: Unter Liebe stellte man sich eher Liebesdienste vor, gute Taten, Caritas. Etwas, was Menschen tun. Eine Aufgabe, die dem Christen geboten war.
Aber nicht das Wesen Gottes selbst.

Am Anfang dieses Semesters wurden wir in unserer Gruppe von der Geistlichen Ausbildung gefragt, was wir für das wichtigste an der Botschaft Jesu halten. Die häufigste Antwort war: Dass Gott Liebe ist.

Das sagt Jesus so gar nicht wörtlich in den Evangelien, das sagt Johannes in seinem Brief. Dennoch ist es für die Mehrheit die Zusammenfassung dessen, was die Sendung Jesu ausmacht: Die Botschaft, die identisch ist mit Gott selbst. In Jesus ist die Liebe Gottes erschienen unter uns (1. Brief des Johannes 4,9).

Denn
"Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm."
(1. Brief des Johannes 4,16)
Das ist, was Jesus ist und was er gelebt hat.
Ihm sollen wir gleich werden.

Aber nicht durch fromme Handlungen und vorgeschriebene Dienstleistungen.
Sondern aus einem Handeln, das aus der Gemeinschaft mit Christus selbst hervorgeht, der unter uns gegenwärtig ist.



Ein in der Liebe Gottes gesegnetes Jahr 2010! 



Bild 1: Thomas Wolf (Der Wolf im Wald): Sylvesterfeuerwerk in Frankfurt am Main (some rights reserved), auf Wikipedia.

Bild 2: César Astudillo: Christmas light tree in Moncloa-Aravaca district in Madrid (Spain) (some rights reserved) auf Flickr.

Freitag, 25. Dezember 2009

Weihnachten!

Christus ist geboren! Gott ist zu uns gekommen und will unter uns wohnen!



Ich wünsche Euch ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Ich komme gerade von unserer Deutsch-Afrikanischen (Kamerun, Kongo, Uganda) Weihnachtsfeier. Erst Messe in der englischsprachigen Gemeinde, dann zu acht mit Wein, Plätzchen und Panettone und Weihnachtsliedern zur Gitarre. Na klar, sogar mit Tannenzweigen und meiner Krippe, die in jede Tasche passt.

Möge Christus unter Euch sein an jedem Tag. Möge er durch Euch zur Welt kommen.
Möge jeder Tag ein Weihnachtstag sein...

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Vor-Weihnachts-Bemerkung


Manchmal, wenn ich in Offenbach so über den kleinen, bescheidenen Weihnachtsmarkt schlendere, sehe ich in strahlende Gesichter und leuchtende Augen.

Und ich denke: Vielleicht ist Jesus doch da, selbst zwischen Würstchenbuden, gebrannten Mandeln und dem Stand mit Bauchtanzschmuck.

Sonntag, 20. Dezember 2009

4. Advent - Christen glauben nicht an den Weihnachtsmann

Der Weihnachtsmann ist schon eine recht alberne Gestalt. Kein Wunder, dass die Leute Weihnachten für ein Kinderfest halten und es Erwachsene bestenfalls mit nostalgischen Gefühlen erfüllt.



Und für ebenso alberne Gestalten halten sie die Christen, mit denen dieses Fest doch irgendwie zusammen hängt.

Kennt Ihr das? Irgendwas läuft nicht so, wie die Leute sich das vorstellen. Und sie wollen irgendwas von uns. Es muss genauso laufen, wie sie es sich in den Kopf setzen. Und dann kommt: "Du bist doch Christ. Du musst das doch machen. Sonst ist das keine Nächstenliebe."

Komischerweise passiert mir das in letzter Zeit nicht. Möglicherweise spüren die Leute, dass das "gefährlich" ist, denn es kann ihnen passieren, dass sie sich mitten im Gespräch wiederfinden. Ich vermute, es wird auch keiner mutmaßen, dass ich an den Weihnachtsmann glaube, wenn ich den Mund aufmache.

Ich warte in der Tat nicht auf den Weihnachtsmann, sondern auf das Kommen Christi. Allerdings finde ich manches süßliche Weihnachtsbildchen, holder Knabe im lockigen Haar, fast noch schlimmer als den Weihnachtsmann. Und zwar deshalb, weil es so offensichtlich den verkitscht, den ich liebe.

Nun ist Jesus freilich als Kind geboren, und Menschen haben generell die Tendenz, Babys süß zu finden. Vor allem, wenn's nicht die eigenen sind.

Aber ich muss doch mal sagen, dass Jesus wirklich als Mensch geboren wurde, dass seine Mutter ihn garantiert unter Schmerzen auf die Welt gebracht hat. Die erste Geburt kann ziemlich lange dauern, und nirgndwo in der Bibel wird dieser Prozess einfach übersprungen oder abgekürzt.

Meistens ist das auch bei uns so, wenn Jesus bei uns ankommt und in uns zur Welt kommt. Abkürzungen gibt's nicht, und schmerzhaft ist es manches Mal auch. Abkürzen geht ganz einfach deshalb nicht, weil wir als Christen nirgendwo hin kommen, wenn wir versuchen, an ihm selbst vorbei etwas zu tun. Ist ja auch logisch.

Aber das ist weder süßlich noch lammfromm.

So einen albernen Jesus gibt's einfach nicht.

Aber das Herz Marias bewahrt alle Worte, die über ihn gesagt sind. Und sie küsst ihn und umarmt ihn.


Bild 2:
Bubamara: Adventný veniec I auf wikimedia commons

Sonntag, 13. Dezember 2009

3. Advent - Freut Euch!

Heute morgen als ich in die Kirche kam, fragte ich mich: "Wer ist denn gestorben?"

Der Pfarrer zog still in Prozession ein. Sprach davon, dass einem im Advent auch anderes begegnen kann als das erwartete und ließ außer "Wir sagen euch an..." kein einziges Adventslied singen. Die Predigt drehte sich dementsprechend darum, aktiv zu werden, um Not zu lindern. Das "Unerwartete" war klar Programm. Ich denke, der stille Einzug sollte besinnlich wirken.

Vermutlich sind auch Menschen gestorben, aber das ist nicht der Anlass dieser Sonntagsmesse gewesen. Obwohl die Texte permanent von der Freude sprachen - es ist ja auch der Sonntag "Gaudete" ("Freut euch")- konnte ich mich des Eindrucks einer Friedhofsstimmung nicht entziehen. Selbst wenn man vielleicht abziehen muss, dass ich selbst gerade recht glücklich bin.

"Gott liebt einen fröhlichen Geber", sagt Paulus im 2. Brief an die Korinther (9,7).

Ich habe gewiss nichts gegen Predigten, die auf die Not bei uns und in der Welt aufmerksam machen. Und ganz gewiss nichts gegen Besinnung. Ich frage mich nur, wieso beides nicht mit Freude vereinbar ist.

Ich meine keinesfalls, dass der Tod und die Trauer nicht thematisiert werden dürfen, aber genau darum ging es ja gar nicht. Es ist nur schlicht ein Widerspruch zwischen Text und Atmosphäre. Möglicherweise beabsichtigt, doch was, meine ich, geschieht, ist anderes: Nicht die Situation derer, die dringend unserer Hilfe bedürfen, macht uns traurig, sondern diese Menschen werden in den Gedanken der Hörer selbst mit einem Trauerflor umgeben, wie wenn sie am traurigen Advent die Schuld trügen.

Tun sie nicht.

Und die Armen dürfen gefällist auch ohne uns fröhlich sein und müssen nicht allein unser Bedürfnis der Anerkennung unserer guten, barmherzigen Werke erfüllen. Wenn sie betrübt sind, auch das ist ihr gutes Recht. Sie müssen nicht mal dankbar uns zunicken.
Sie dürfen, freilich. Aber sie sind ganz einfach Menschen, die Armen wie die Reichen. Es gibt keinen "guten Geber" in diesem Spiel, sondern nur Menschen mit Bedürfnissen.

Und alle wollen leben. Alle wollen anerkannt sein. Alle wollen glücklich sein.

Freut Euch! Und nocheinmal sage ich: Freut Euch!
Christus befreit uns dazu, ein fröhlicher Geber zu werden.


Bild: Peter Becker: Candles in the dark (some rights reserved) auf flickr

Neuling III: Loslassen

Gestern morgen erwachte ich mit einem inneren Bild vor Augen: Ein Pflanze sprießt hervor, kräftig und grün.
Allerdings bin ich die Blumenzwiebel in der Erde.
Die Pflanze wächst schnell. Wie sie aussehen wird, weiß ich nicht.

Jedenfalls werde ich immer lebendiger.

Neuling I: Berufung und Neuling II: Protest tragen das Datum des gestrigen Tages, weil ich sie gestern freigeschaltet habe, sie sind aber weitgehend in den Tagen davor schon entstanden. Es steckt in ihnen so viel an Dingen, die mich zutiefst berühren,  dass ich darüber erst schlafen musste, bevor ich sie Euch weitergebe.
Neuling III: Loslassen ist der erste Text der Serie, der ebenso live geschrieben ist, wie sonst die Posts zum Wort des Lebens.

Was hier passiert, in den letzten Tagen vor allem, ist etwas ganz wunderbares. Am besten ist es mit dem Wort "Loslassen" zu beschreiben.

Schon sehr zu Anfang nach meinem Besuch im Fokolar, noch bevor ich auch nur in Hübingen mit gewesen bin, begann sich die ständige Sorge einfach aufzulösen. Zunächst die, was ich nach dem Studium überhaupt machen werde, wo mein Platz ist. Die Frage ist nicht aus der Welt, sie ist immer mehr der Gewissheit gewichen, dass Gott mein Leben in der Hand hat und die Sorge so überflüssig ist wie unsinnig, angesichts meines beschränkten Blicks.
Bis ich fertig sein werde, werde ich, nebenbei bemerkt, wichtige Dinge ohnehin nicht mehr für mich allein in meinem Zimmer entscheiden.

Gelegentlich schwappt bei mir wie eine Woge von etwas "anderem" herein. Dinge die, scheint mir, als Gedanken längst da gewesen sind. Nur sind sie nie fühlbar geworden.

Ich weiß z.B. nicht mehr, wieso ich einen Schrank voll Bücher hier stehen habe, die keiner außer mir benutzt.

Ich frage mich, wieso ich die Türen nicht weiter aufmache und Leute hereinlasse und wofür ich so geizig bin. Ob andere das so empfinden, ist mir gleich. Ich habe keine moralischen Ansprüche, ich finde es unlogisch.

Ich meine durchaus nicht, dass ich die Welt um mich herum nicht mehr verstehe, mein Verstand scheint mir durchaus intakt. Ich finde lediglich mich selbst darin absurd.

Meine innere Landkarte von der Welt kennt keine Grenzen. Und  mir scheint fast als halte sich meine Seele auch gar nicht an einem bestimmten Ort auf, während ich durch Offenbach schlendere, denn ich bin mit so vielen Menschen überall auf der Welt verbunden. Ich habe sie noch nie gesehen, aber ich fühle mich tatsächlich von ganz vielen umgeben.

Die auffälligste Veränderung: Ich bin um so vieles gelassener all den Dingen gegenüber, die mir nicht behagen. Die Dinge müssen nicht meine Ansprüche erfüllen. Indem ich meinen Ort finde, kann ich die anderen so sein lassen, wie sie sind.

Ich bin gespannt, wie's weiter geht.

Samstag, 12. Dezember 2009

Neuling II: Protest

Seit einigen Tagen ist es in meinem Inneren ruhig geworden. Bis dahin hat mich die ganze Entwicklung eher ziemlich umgetrieben, wie Ihr leicht feststellen konntet, wenn Ihr den Beitrag "Neuling I: Berufung" gelesen habt. Doch seit ein Gespräch letzten Mittwoch zieht entspannte Gelassenheit ein.

Kushu-Solii ist ein Freund aus Kamerun, der hier seine theologische Doktorarbeit schreibt. Er hat schon als Junge die Fokolarbewegung "gefunden" und gehört ihr heute als Priester an. Wir haben keine dicke, langjährige Freundschaft, es gibt keine großen Erlebnisse oder gemeinsamen Aktivitäten. Ich habe nicht gezögert, ihm zu helfen und er hat nie gezögert, mir zu helfen, und selbst nachts um drei könnte ich bei ihm anrufen, wenn ich in Not bin. Selbstredend er mich auch.
Wir waren bereits befreundet als ich auf die Bewegung stieß, aber mit dem, was in mir vorgeht, hat sich unsere Freundschaft verändert.

Schon richtig, man muss es erleben in der Fokolarbewegung: "Ich habe dir schon viel zu viel über die Bewegung gesagt...", meint er und ich finde das reichlich übertrieben. Er redet gar nicht darüber, wenn ich ihn nicht direkt frage. Natürlich nicht.

Ich protestiere! Ihr sprecht schließlich auch miteinander. Ihr seid froh und dankbar dafür. Wie soll ich das denn auf die Reihe kriegen, wenn keiner mit mir redet? Ich mache die ganze Zeit Erfahrungen. Was für welche auch immer. Das ist es ja: Ich kann gar nicht anders! Ich will darüber reden.

Irgendwann geht's einfach nicht mehr. Neuling hin oder her. Ich bin ununterbrochen von der Frage umgeben, was es heißt, das Evangelium zu leben.

Am Anfang gibt man Milch zu trinken... "statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht vertragen. Ihr könnt es aber auch jetzt noch nicht" (Paulus, 1. Brief nach Korinth 3,2)
Vergiß es. Ich mag Milch. Aber nicht um drin zu baden.
Ich kenne unseren Chef schon längst. Er hat mir das Leben gerettet. Mich komplett einmal umgestülpt und wieder zurück. Und nachher in die Katholische Kirche verfrachtet. Nicht immer mit Samthandschuhen. Asbesthandschuhe sind bei mir manchmal zweckmäßiger.


Ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet? (Matthäus 7,9)

Zwei reichen (Wo zwei oder drei... Matthäus 18,20), die in seinem Namen da sind, dass er da ist, sagt Jesus. Es ist eine eigenartig Erfahrung. Selbst bei meinem ersten Besuch im Frankfurter Fokolar hatte ich nicht das Gefühl, einfach einer einzelnen Person zu begegnen, sondern der Bewegung. Es gibt Dinge, da kann ich ein Gesicht herholen, antworten auf Fragen wie: "Wo arbeitest du?" oder: "Wie bist du zur Bewegung gekommen?". Bei anderen Dingen weiß ich genau, wer sie mir gesagt hat, aber sie sind überhaupt nicht mit der Person verbunden.

Man weiß nie, was man dem anderen mitteilt. Ich weiß, was ich sage, aber nie, was der andere hört. Das kann man als kommunikations-theoretische Binsenweisheit verstehen, sollte es aber nicht tun. Ich glaube nicht, dass Solii weiß, was er mir gesagt hat, es sei denn er liest hier nach. Obwohl ich mir sicher bin, dass er weiß, was er sagt.

Er erzählt mir ein Beispiel für den Umgang mit einem anderen Menschen. Aber ich begreife, wie ich liebevoller sein kann, in konkreten inneren Bildern, die ohne Zweifel umsetzbar sind.

Und weil ich etwas davon spüre, was mit der Gegenwart Jesu und mit Einheit gemeint ist, wenn es auch wenig sein mag, beginnt der Schmerz in mir spürbar zu werden. Richtig weh tut es noch nicht, aber weil ich diesen ineren Schmerz kenne, weiß ich mit einem Schlag, welche Sehnsucht mich in den letzten Wochen so umgetrieben hat: Ich habe ihn nicht als das spüren können, was er ist.

Kushu-Solii liest mir seinen Meditationstext vom letzten Abend vor: Chiara Lubich über den verlassenen Jesus, den, der am Kreuz Psalm 22,2 zitiert: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Markus 15,34) Der vielleicht stärkste Text, der mir von Chiara begegnet ist bisher. Ich weiß, dass das eine der zentralsten Themen überhaupt in der Fokolarbewegung ist.

Aber es ist jetzt etwas anderes, es wird gesprochen für mich. Auf einmal weiß ich, dass alles, was ich mitbringe an Erinnerung, an Wut und Verzweiflung und Grauen, an bodenloser Verlassenheit, darin aufgehoben sein wird. Es gibt nichts, was hier keinen Platz findet. Ich werde alles dem verlassenen Jesus mitbringen können - und nichts wird so sein wie vorher.

Es macht mich froh und glücklich. Es ist die andere Seite der Einheit. In mir beginnt es still zu werden.
Wer es fassen kann, der fasse es.

Ich sage Solii, dass es in mir anfängt weh zu tun, und er nickt und sieht mich an, und ich weiß, dass ich nichts erklären brauche. Nirgendwo ist Angst. Niemand macht ein Problem draus. Niemand schiebt Panik. Ich fühle mich endlich mal normal. Es ist so befreiend.

Und erzählen von den letzten Wochen, nur erzählen. Und da sein, lang genug, um es nicht bis zur nächsten Ecke wieder zu vergessen.


Schon in der Tür fragt Kushu-Solii, ob ich für ihn 12 "Gegrüßet seist du, Maria" bete, für die 12 Sterne der Krone Marias. Sicher, und ich halte normalerweise meine Versprechen.

Allerdings ein Ave Maria zu beten, das musste ich zuvor erstmal für mich selber tun, bevor ich für wen anderes beten kann. Ich brach dabei nämlich einfach in Tränen aus. Dass ich keine Beziehung zu Maria gehabt hätte, stimmt sicher nicht, und ich bin dabei auch nicht einfach in meiner evangelischen Vergangenheit hängen geblieben. Aber was jetzt geschah war, dass sich etwas öffnete. Nicht nur komplett unerwartet, sondern ohne dass ich vorher jemals auch nur einen Blick hinein getan hätte. Ich verstand, was ich sagte.

Was für ein unglaubliches Geschenk.
Als Teil der Kirche sowas sagen zu dürfen, ist ein einziger Lobpreis Christi.

Es gefällt mir sehr.
Auch die Sehnsucht ist noch da.
Der Schmerz wird kommen mit Jesus.
Und ich liebe ihn.

Neuling I: Berufung

Neulich sprach Professor P. Michael Schneider SJ in Dogmatik über Berufung. Er sagte ungefähr sowas:
Wenn es Berufung ist, passt alles. Es ist alles genau so, wie man es sich vorgestellt hat.
Es gibt verschiedenste Berufungen, nicht nur zum Priester oder Ordenschrist. Es ist das, wie Gott einen Menschen gedacht hat. Darum passt es genau zu ihm.
Berufung kann man nicht wählen, man kann nur darauf antworten (oder sie verfehlen). 
Wahrscheinlich hätte ich ihm das ein paar Monate früher schlicht nicht geglaubt. Das mit dem "alles passt". Oder hätte mich gefragt, ob Gott für mich nichts passendes übrig hat. Ich musste ehrlich lachen.

Es ist jetzt drei Monate her, dass ich in Frankfurt im Fokolar war und kurz darauf auch dieser Blog geboren wurde. Sieben Wochen später durfte ich mit nach Hübingen fahren und auf dem Vorbereitungstreffen erstmals ein wenig "Mariapoli-Luft" schnuppern.

Darüber habe ich hier wenig berichtet. Das liegt daran, dass ich komplett platt war. Ich meine nicht nur überrascht, das auch. Ich war tierisch müde. Nicht vom Vorbereiten, Wandern, Reden, Zuhören, Messe feiern usf., keine Spur. Mich holte schon auf der Heimfahrt die Wirkung dessen ein, was ich dort erlebt habe.

Das hat so sehr in mir etwas in Bewegung gesetzt, dass ich schon im Zug fast weggepennt wäre. Ich kann kaum behaupten, dass es mir schlecht gegangen ist. Es hat eine gute Woche gedauert, um einigermaßen zu realisieren, dass das echte Menschen sind, mit denen ich hier in Kontakt getreten bin, dass ich das nicht geträumt habe. Meine Träume unerfüllter Sehnsucht - eher die wachen und betenden - sahen dem einfach zum verwechseln ähnlich. Nur dass es sich jetzt anfühlte.

Extrem gut fühlte sich das an. Etwas "high" zu sein davon am Anfang, ist, glaube ich, verzeihlich.

In diesen ersten drei Monaten seit dem ersten Kontakt passiert ständige Veränderung mit mir. Und ich bin voll kaum zu bändigender Sehnsucht nach mehr.
Die Überraschungen, die bei der Landung auf einer Web-Site begonnen haben, setzten sich fort: Immer mehr Andockstellen an ganz unerwarteter Stelle.

Mehr noch: Es ist, wie wenn mein ganzes Leben in einem Punkt zusammenfließt.

Und manchmal fühle ich mich hilflos, weil ich so gar nichts tun kann, und reichlich alleingelassen. Ja, auch das.
Zu viel hat nur darauf gewartet, seinen Ort und sein Ziel zu finden. Und strebt jetzt nach Verwirklichung. So ist es manchmal nur Warten. Wie die Kinder, wenn sie jeden Tag dreimal fragen: "Mama, wann ist Weihnachten?"

Den Rest hätte ich unserem P. Scneider geglaubt, aber nicht, dass es so ist, wie man es sich vorgestellt hat. Und im übrigen: Doch nicht ich...? Und haben da nicht andere eine tüchtige Portion mit zu reden...? Ich bin notorisch ungläubig in solchen Dingen.

Ich würde eher sterben als wieder zu gehen.
Und ich wünschte, ich könnte jemanden fragen, der es wissen muss: "Ist das sehr schlimm... ich meine... dass ich bleiben möchte?"

Freitag, 11. Dezember 2009

Blog-Geschichte II: Rezensionen eines Neulings-Glücks

Bis jetzt habe ich hauptsächlich zum Wort des Lebens geschrieben. So heißt ja auch der Blog, und das wird auch weiterhin den Hauptteil der Blog-Beiträge ausmachen.

Sich an einem Bibelwort abzuarbeiten, ist ja auch viel einfacher als zu beschreiben, was mir auf dem Weg in die Fokolarbewegung passiert.
Theologie habe ich schließlich gelernt, und von mir wird man erwarten, dass ich zu biblischen Texten etwas zu sagen habe. Ich bin wahrscheinlich nicht mal schlecht darin.

Was mich derzeit beschäftigt, ist aber oft nicht gerade der monatliche Text. Und auch nicht die Adventszeit, obwohl das hier extrem viel mit Warten und dem Kommen Christi zu tun hat.


Ich habe diesen Blog gegründet, um Gedanken über das "Wort des Lebens" mit Euch zu teilen (wenn das Teilen hier auch bislang etwas einseitig ausfällt...). Ich schreibe es insofern persönlich als ich schreibe, was mir dazu einfällt, ohne weitere Vorgabe, mal eher klassisch-theologisch, mal eher widerständig oder auch zum Schmunzeln.
Ich schreibe aber in dem Bewusstsein, öffentlich zu sein, und mit dem Anspruch, dass vielleicht irgendwem etwas davon eine Anregung gibt. Es gibt nicht unbedingt 1:1 meine Befindlichkeit wieder.

Wenn ich von meinen ersten Schritten in die Fokolarbewegung berichte, ist dies wesentlich näher an dem, was mich gerade am meisten beschäftigt, wenn auch keineswegs ungefiltert.

Die Gefahr, dass mir das als Exhibitionismus ausgelegt wird, steigt damit. Wem  nicht passt, was ich hier mache, darf gerne mit mir in Kontakt treten. Die Email steht auf der Profilseite. Genauso wie das für jede andere Art von Beschwerden, Anmerkungen oder Rückmeldungen gilt.

Abgesehen davon, dass es mich - wie bloggen überhaupt - zwingt, meine Gedanken zu ordnen und zu meditieren, gibt es vor allem einen Grund, das Spektrum zu erweitern und quasi die Blog-Geschichte weiter zu schreiben: Es zeigt, dass der "Wort des Lebens - live!"-Blog sich nicht im "luftleeren Raum" entwickelt.

Die "Rezensionen eines Neulings-Glücks", die ich versuchen will, sind ein Zeugnis davon, dass und wie der Wunsch, das Evangelium zu leben, Folgen hat. In diesem Fall ist das die (längst fällige) Konkretisierung auf Gemeinschaft hin.
Das geht nur ganz persönlich. Es hat keine Vorbildfunktion und keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Vermutlich hat Gott mit Dir gerade was ganz anderes vor. Es ist seine Sache. Und Grund, ihn dafür zu preisen.

Ich werde versuchen, so zu sprechen, dass es auch die, die gar nichts mit der Fokolarbewegung zu tun haben, außer dass die meisten Christen sind, die hier lesen, es auch verstehen können. Versprechen kann ich's nicht... und wen es nicht interessiert, der kann einfach weiterblättern.



Letztlich müsst ihr schon Eure eigenen Erfahrungen machen. Trotzdem mag es dem ein- oder anderen aufschlussreich sein, einen Blick in meine unbescheidenen Notizen zu tun. Für meine Freunde, weil sie mich kennen. Für die aus der Fokolarbewegung, weil sie mich in der Regel nicht kennen. Und für alle anderen, weil sie vielleicht was darüber zu erfahren hoffen, um was für einen eigenartigen "Haufen" es sich da eigentlich handelt.

Wenn ich zum "Wort des Lebens" - zu einem Text aus dem Evangelium also - schreibe, verlinke ich den Beitrag meistens auf facebook. Die Posts, die von meinen persönlichen Erfahrungen auf dem Weg in die Bewegung erzählen, werde ich dort nicht an die Pinnwand hängen. Sie werden einfach zwischen den den anderen Blog-Posts erscheinen. Sie sind nicht geheim und mit dem Label "Neuling" jederzeit auffindbar.

Dienstag, 8. Dezember 2009

Sehnsucht nach Licht

Wort des Lebens Dezember 2009:
"So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen."
Matthäus 5,16
In diesen Tagen sind überall tausende Lichter zu sehen:

Kerzen stehen auf den Tischen, draußen blinken bunte Figuren. Aus winzigen Lämpchen bestehende Lichterketten überziehen Bäume und Häuser. Erleuchtete Weihnachtsmänner stehen auf Garagen und Würstchenbuden.

Wozu unser Licht Leuchten lassen? Zwischen all den Lichtern sieht es doch eh keiner, oder?

Die Menschen haben Sehnsucht nach Licht. Die langen Winternächte scheinen heller auf dem Weihnachtsmarkt, wenn wir mit Kinderaugen und Glühwein in der Hand buntes Holzspielzeug, Glaskugeln und Schmuck bestaunen.

Alle sind dort: Elegante Wintermäntel und Strumpfhosen unter dem Mini, Anzug und Baggy Pants. Düfte verbreiten anheimelnde Gefühle: Wachs und gerösteten Mandeln und Harz von Tannen.

Es zieht uns im Winter zum Licht wie die Fliegen im Sommer. Sehnsucht.

Aber den Vater im Himmel preisen? Wozu? Hier geht es eher um gute Preise als um gute Werke.



Vielleicht muss man dazu ins Dunkel gehen. Dahin, wo keine Lämpchen brennen und nicht mal eine Kerze.

Aber interessiert es das Licht überhaupt, ob es gesehen wird? Genügt es ihm nicht, dass es leuchtet?

Die Aufforderung Jesu ist nur die:  Leuchte!


Sonntag, 6. Dezember 2009

2. Advent - und Nikolaus!

Einen gesegneten zweiten Advent 
und einen frohen Nikolaustag, 
Euch allen da draußen im weltweit vernetzten Raum!

Die letzten Jahre habe ich keinen auffinden können. Aber es gibt doch noch richtige Nikoläuse!


Freilich kann man den Weinachtsmännern auch selbst abhelfen, indem man ihnen Mitra und Stab anzieht, aber der hier hat sogar eine Bibel in der Hand.

Fehlen eigentlich nur noch die drei goldenen Kugeln, die seit dem Mittelalter zu seinen Attributen gehören. Die soll er zwei jungen Damen durchs Fenster geworfen haben, damit sie nicht mangels Mitgift zur Tempelprostitution gezwungen sein sollten. Das mit der Prostitution im Tempel ist umstritten, aber schrecklich beliebt war er jedenfalls, der Heilige Bischof von Myra.


Christus segnet
Kaiser Otto II. und
Kaiserin Theophanu
Vor allem ein paar Jahrhunderte später. Erst wurde er Patron der Gefangenen. Weil er Unschuldige im Gefängnis vor der Hinrichtung gerettet hatte.
972 heiratete Theophanu, die Nichte des byzantinischen Kaisers, Kaiser Otto II. und brachte die Kunde vom Heiligen Nikolaus in den Westen. Als dann 1085 Bewohner und Mönche von Myra vor den Sarazenen in den Westen flohen, war kein Halten mehr. Schiffsleute wählten ihn zum Patron, Kaufleute - und Betrüger gleich mit, wie immer man das interpretieren mag.
Und natürlich, das wichtigste: Er wurde Patron der Schüler. Er soll nämlich drei ermordete Schüler wiederbelebt haben.

Krampus und Rute haben ebenso wie Knecht Ruprecht ganz anderen Ursprung und wurden großzügig von neuzeitlichen Pädagogen missbraucht, bis der Nikolaus dahinter zu verschwinden drohte.
Der Nikolaustag im Mittelalter war ein außerordentlich fröhlicher, ein einzigartiger und hoher Feiertag: Äbte und Bischöfe mussten ihren Stuhl räumen und für einen Abend oder länger regierte ein von den Schülern gewählter Kinderbischof in den Dom- und Klosterschulen.

Wenn das Magnificat erklang und die Zeile gesungen wurde: "Er stürzt die Mächtigen vom Tron und erhöht die Niedrigen", dann war es mit der Macht der Mächtigen vorbei: Die Prozession mit dem Kinderbischof und allen Schülern zog ein, der Schulvorsteher hatte seinen Platz zu räumen. Die Zukunft der Gottesherrschaft hat in diesem hochheiligen Spiel schon begonnen.

Der Schülerbischof feierte in aller Form die Vesper zuende und hatte alle Aufgaben zu erfüllen, die ihm als Vorsteher zukamen. Vor allem leitete er das Schuldkapitel, in dem alle, ob Koch, Magister oder Geistlicher Herr, der wo immer den Schülern ein unrecht zugefügt hatten, vor den Bischofsstuhl gerufen wurden. Der Schülerbischof durfte rügen und strafen, genau wie der Schulvorsteher sonst. Er verteilte aber auch Süßigkeiten als Zeichen der Anerkennung.


Etwas davon ist mancherorts noch an der Figur des Nikolaus haften geblieben. An der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen zum Beispiel ist die traditionelle Nikolausfeier ein fröhlich-satierischer Abend, bei dem kein Dozent vor Parodien sicher ist.
Gekrönt wird die Feier vom Kommen des Nikolaus. Das Ritual steht fest: Man steht auf, wenn feierlich der Heiligen Bischof von Ministranten geleitet einzieht. Von der Bühne ruft er die Dozenten und Mitarbeiter von Hochschule und Priesterseminar, trägt gereimte Texte vor und verteilt Schoko-Weihnachtsmänner. Niemand außer dem Kern der Organisatoren darf vorher wissen, wer unter der Verkleidung stecken wird.
Den Nikolaus verkörpert ein Dozent oder ehemaliger Dozent der Hochschule. Die Texte aber, die er aus dem großen Buch vorlesen muss, haben andere geschrieben.

Manchmal kommt ja noch ein Nikolaus mit Buch in die Häuser.

Wer aber könnte sich heute solch ein Theater in einer Kirche vorstellen? Kinder inzensieren feierlich den Altar? Schüler auf dem Bischofsstuhl?
Wer würde sich heute noch sowas trauen?


Bild Kerzen: Wildfeuer: Zwei Kerzen (some rights reserved)
Bild Otto I. / Theophanu: Clio20: Krönung von Otto II. und Theophanu (some rights reserved)
Beide verlinkt von Wikimedia Commons

Dienstag, 1. Dezember 2009

Ausstellung III: Metamorphosen

Ich stecke gerade selbst in einer Metamorphose. In mir verändert sich etwas, seid ich auf die Fokolarbewegung gestoßen bin, von jede Begegnung neu befeuert. Es ist ein Loslassen.

Und so eine Begegnung ist auch die Ausstellung  von Annemarie Baumgarten und Hung: "Metamorphosen auf Mutter Erde".

Das Wort "Meta-Morphose" ist griechisch. Es begegnet im Deutschen eigentlich nur im Zusammenhang mit künstlerischen Werken, gewöhnlich Bilder oder Gedichte. Und in Rollenspielen wie "Das Schwarze Auge". Geläufiger ist "Trans-Formation", was der lateinischen Übersetzung entspricht. Auf Deutsch bedeutet beides "Um-Gestaltung" oder "Um-Formung".



Für Aristoteles war die Morphe das, was den Stoff, die Materie formt, ihr Gestalt verleiht. Meta-Morphose ist demnach die Neuformung des Bestehenden. Allgemeiner auch einfach: Veränderung.

Ein Kunstwerk herstellen ist in gewissem Sinn immer eine Umgestaltung des Stoffes: Farbe wird auf Leinwand aufgetragen, eingearbeitet, gemischt, getupft, überdeckt, aufgelöst, verwischt...
Viel deutlicher noch ist das  bei Hung, wenn man ihn bei der Arbeit sieht wie er Metallteile zusammenschweißt. Die Teile bleiben. Man kann sie auch am fertigen Kunstwerk häufig noch deutlich sehen. Und doch ist ganz neues entstanden, ein Kopf, eine Figur, eine Geschichte.

Die verschweißten Teile bilden einen Körper in den ein Kunstwerk aufersteht. Hung lässt das Unsichtbare, Ungesagte offenbar werden, das schon im Raum ist. Er gibt die Form für nicht vorhandene Materie.

In der scheinbar aus einigen Strichen in Tusche bestehenden, lebensgroßen Metallskulptur "Crucifix", die im Freiburger Priesterseminar Collegium Borromäum hängt, lässt er den Gekreuzigten erscheinen. Und der Sterbende ist schon ein Auferstandener.

Die Gestalten sind nicht aus Metall. Sie leben zwischen den metallenen Teilen in der Freiheit des Raumes. Seine Arbeit nennt er MetaLmorphosis.

Hung hat in Kriftel eher kleinere Werke ausgestellt - für mehr ist leider auch kein Raum. Schon die ist man in Gefahr zu übersehen, wie ihnen da die Umgebung auf den unsichbaren Leib rückt. Man wünscht sich Platz. Oft muss man erst einen Winkel finden, der geeignet ist, die metallene Tusche gegen den Hintergrund zu zeichnen. Die Suche lohnt sich trotzdem.


Der Evangelist Matthäus verwendet "metamophein" (das ist das Verb dazu) für die "Verklärung" Jesu auf dem Berg (Matthäus 17,2): Jesus wird verwandelt und erscheint Petrus, Jakobus und Johannes in strahlendem Licht.

Und Paulus schreibt in seinem Brief nach Rom:
"Macht euch nicht gleich den Erscheinungen dieses Äons, sondern gestaltet euch um und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen könnt, was der Wille Gottes ist: Das Gute, ihm Wohlgefällige und Vollkommene."
Römer 12,2

Etwas vom Licht der Verklärung ist in Annemaries Bildern. Überall ist dieses Licht drin, manchmal ganz direkt als ein ins Bild gesetztes Leuten, manchmal unscheinbarer eine Aufhellung, wo Dunkel zu erwarten wäre.
Himmel leuchtet, Horizont.
Bäume umleuchtet von irgendwo.



Ein durchschauen zum Licht. So sind diese Bilder: Ein Evangelium in Acryl.

Sie lassen den Betrachter nicht vor dem Bild sitzen. Sie ziehen ihn hinein ins Licht, das verwandelt. Führen den, der sich dauf einlässt, in eine Umgestaltung, hin zu dem, was die Erscheinungen dieses Äons übersteigt.

Beide, Hung und Annemarie Baumgarten, zeigen Kunst - keine Illustration des schon Geläufigen.



Mehr von der Ausstellung:
Ausstellung: Annemarie Baumgarten / Hung
Ausstellung II: Irritationen mal anders


Bild:
Annemarie Baumarten:  "Das Gold der Stadt" (2008)
Danke, Annemarie, dass ich es zeigen darf.

Durchlässig für das Licht

Wort des Lebens Dezember 2009:

Der für Dezember ausgewählte Text ist:
"So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen."
Matthäus 5,16

Chiara Lubich schreibt dazu:

"Das Licht hat Taten zur Folge...

Christen handeln...aus einem Geist, der... bewirkt, dass nicht mehr sie selbst leben, sondern Christus in ihnen... gesamtes Leben ein einziges gutes Werk wird

...werden „durchlässig“ für Gott. Das Lob... geht dann nicht an sie selbst, sondern an Christus, – und Gott wird durch sie in der Welt gegenwärtig....

...gilt das genauso für die christliche Gemeinschaft... Sie wird dort erfahrbar, wo zwei oder drei im Namen Jesu vereint sind...

In der Urkirche... wenn Christen verleumdet wurden... nicht mit Gewalt... reagieren, sondern durch ihr Verhalten das Böse zu widerlegen...

Auch heute ist das gelebte Evangelium ein Licht, das die Menschen zu Gott führt. Antonietta... Im Büro als Christin zu leben..." Lest den ganzen Text auf der Web-Site der Fokolarbewegung

Sonntag, 29. November 2009

Erster Advent!

Hallo allesamt irgendwo da draußen...

...ich wünsche Euch allen einen gesegneten ersten Advent!

Als wir am Samstag für die Hörfunkwerkstatt - nur zum Ausprobieren - auf in Frankfurt mit dem Mikro unterwegs waren und die Leute nach adventlichen Gefühlen einen Tag vor dem 1. Advent fragten, sagte einer statt "Advent" immer "Adventskalender".

Es war ein Mann türkischer Herkunft, und natürlich muss der wirklich nicht viel über christliche Bräuche wissen. Er selbst nennt sich "nicht religiös", legt jedoch großen Wert darauf, dass die Kinder auch an den einheimischen Bräuchen teilhaben, darum haben sie auch einen Adventskalender wie die anderen Kinder.

Advent bedeutet "Ankunft". Worauf wir warten, wissen allerdings auch viele andere nicht mehr. Als Kinder haben wir natürlich auf Weihnachten gewartet. Auf die Kerzen am Baum und den Duft und die Geschenke.

Würden wir jedoch nur auf Weihnachten, das Familienfest warten, bräuchten wir keine vier Wochen Besinnungszeit davorschalten. Es ist nicht Weihnachten, auf das wir warten, sondern das Kommen Jesu Christi.

Die ersten Wochen des Advent sind im liturgischen Kalender der Kirche gar nicht weihnachtlich ausgerichtet: Die Texte sprechen von der Wiederkunft Christi, vom Kommen des Erlösers zum Gericht, vom Ende all dessen, worin wir uns eingerichtet haben.
Erst kurz vor Weihnachten wird die Geburt Jesu thematisiert.

Immer geht es aber darum, dass Jesus zu uns kommt. Weder darum, dass etwas in der Vergangenheit geschehen ist, noch darum, dass es einst geschehen wird: Sondern darum, jetzt auf Jesus zu warten, mitten in unserem Alltag ihm die Tür unseres Herzens zu öffnen und ihm Einlass zu gewähren.

Für Christen ist darum das ganze Jahr Advent.


Foto: 4028mdk09 "Einzelne brennende Kerze" (some rights reserved) auf Wikimedia Commens

Samstag, 28. November 2009

Vor mir das Nadelöhr

Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.
Matthäus 19,24



Also: Vor mir das Nadelöhr. Wie komm ich da durch?

Gar nicht, bin zu dick.
Gar sowieso nicht, sagt Jesus: Da kommt niemand rein, ohne dass Gott es ermöglicht.
Stimmt ganz klar.

Wieso ist der Eingang eigentlich so schmal und winzig?
Nicht mal durchgucken kann man richtig. Schlüsselloch ist nichts dagegen.

Und drumrum sieht alles aus wie immer. Nur da ist dieser Gateway, nein dieses unpassierbare Türchen, durch das man irgendwie durchkommt, bloß nicht so wie in den Computerspielen, wo sich ein Tor irgendwie öffnen lässt mit einem Trick und dann kann man durch und drüben weiter machen.

Genau das kann man nicht: Weitermachen.
Im Computerspiel ist die Welt auf der anderen Seite manchmal eine andere. Aber die Regeln sind diesselben. Im Prinzip zumindest.


Im Reich Gottes? Kann irgendwer sich vorstellen, dass da diesselben Regeln gelten wie in unserem Alltag und in unserem Staatswesen?
Blödsinn. Natürlich nicht. Sonst könnten wir eigentlich auch hier bleiben.

Gehen wir mal davon aus, wir wollen auch tatsächlich auf die andere Seite. Was ja keineswegs von vorne herein gesagt ist. Wie gesagt, man kann sich's ja nicht erstmal anschauen.

Also, es ist gänzlich anders irgendwie. Und doch nicht: Denn Jesus sagt ja: Das Reich Gottes ist mitten bei den Menschen schon da. Wenigstens dort, wo Jesus ist. Er ist drin. Und die um ihn rum, sind vielleicht auch drin. Andere auch nicht.

Andere Regeln gelten auf jeden Fall. Ich würde sagen, eine:
Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.
Johannes 13,34
Und Johannes kommentiert:
Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe.
1. Brief des Johannes 4,8
Alles andere folgt daraus.


Vielleicht hilft uns das aber doch weiter, die Sache mit dem Gateway: Meistens (jedenfalls, wenn man es das erste mal spielt) hat man keine Ahnung, was einen auf dem nächsten Level oder hinter dem Gateway erwartet.



Man kann also nur drauf vorbereitet sein, dass irgendwas anders ist und etwas anderes vom Spieler gefordert ist. Ansonsten muss man einfach durchgehen. Und schaun, was passiert.

Man kann sich entweder drauf einlassen - oder es lassen.
Im Spiel kann einem allerdings, objektiv betrachtet, nicht viel passieren, allenfalls verliert man seine Spielfigur, und oft hat man ja auch noch ein paar Leben in Reserve.

Aber was, wenn ich mich aufs Reich Gottes einlasse?
Da ist doch Liebe, oder? Da kann mir doch gar nichts passieren, oder?
Oder??!

Mir kann alles passieren. Genau das ist es ja.
Mir wird alles passieren.

Mir wird all das passieren, von dem ich mir nicht vorstellen kann - vielleicht auch nicht will! - dass es mir passiert.
Ich finde heraus, dass alle Menschen sind z.B., auch die, die ich gar nicht dafür halten will.
Ich finde heraus, dass ich geliebt bin. Ihr glaubt gar nicht, wie unangenehm das sein kann, dass Gott so nah ist, dass er einen berührt.
Und alles ist gemeinsam. Einheit in Vielfalt, aber nicht Wörter, die in Dokumenten oder Programmen stehen, nein, in Wirklichkeit. Totale Unterscheidung. Totale Einheit. Viel zu krass.
Ich meine wirklich, dass es einem passiert.

Aber das unmöglichste daran ist das Tor.

Das ist der Gekreuzigte. Der führt genau rein.




Foto 2: Toshihiro Oimatsu "in the Tunnel" (some rights reserved) auf piqs.de

Donnerstag, 26. November 2009

Wer will durchs Nadelöhr ?

Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.
Matthäus 19,24

Ich hab mir grad gedacht, welches Kamel eigentlich durch ein Nadelöhr will?
Welches Kamel kommt denn auf so eine Idee?

Kann es sein, dass es uns Reichen genauso geht?
Dass wir ganz was anderes suchen als ein Nadelöhr, durch das wir ins Reich Gottes reinkommen könnten?
Wir meinen doch, selbst das Zentrum von allem zu sein.

Mittwoch, 25. November 2009

Ausstellung II: Irritationen mal anders

Wenn Kunst Irritationen hervorruft, wundert sich heute keiner mehr. Manche versprühen sich dann vor Enthusiasmus, andere sind pikiert und der Rest winkt schon von weitem ab. Manchmal scheint die "Kunst" im Aufsehen-Erregen zu bestehen.

Annemaries Kunst ist ganz anders.

Sie ist still und dabei voller Kraft.
Sie kann warten bis du Zeit für sie hast.


Etwas Zeit wollen die Bilder schon haben.
Dafür schenken sie dir alle Energie, die die Künstlerin in sie hineingearbeitet hat, ihre Liebe, Leidenschaft und Hoffung. Sie rufen dich in die Tiefe deiner Seele, wo deine eigene Sehnsucht wartet.

Ich würde gerne ein Meditationhaus bauen, nur um sie so aufhängen zu können, wie ich sie empfinde.


Sie scheinen mir gar nicht zu passen in dieses Ambiente von Präsentieren und Repräsentieren und Redenhalten, wie es zu einer Vernissage und zu einem Rat- und Bürgerhaus gehört. Auch wenn so viele Freunde da sind und die Atmosphäre gar nichts Gekünsteltes an sich hat. Ich unterhalte mich, fast hätte ich gar nicht alles angeschaut.
Sie scheinen sich einfach zu schämen, die Bilder, wenn man sie so der Reihe nach beglotzt.

Glaubst du nicht? Bilder können sich nicht schämen? Die Bilder verschwinden einfach, wenn man sie so unverholen gierig ansieht, sie verstecken sich dann hinter ihrer Färbung. Aber das sind sie gar nicht.

Du musst dich davor stellen. Und warten. Und sie reden lassen. Und dann sprechen sie zu dir. So wie nur die liebende Gegenwart von dem ganz Unaussprechlichen es weiß. Vielleicht sogar etwas, was du gar nicht wissen wolltest.


Einige sind als kleine Serie erkennbar. Die Farbspiele, die feinen Nuancen, klettern von einem Bild in das nächste. Die Einzelnen kommunizieren, man kann sie sprechen sehen, über die Grenzen der Welten hinweg, die sie öffnen.

Mit einem anderen möchte man ganz allein sein. Möchte es retten vor dem Lärmen und den naherückenden Nachbarwerken. Es errichtet Wände eines Schutzraumes, dessen man plötzlich zu bedürfen meint. Nur um sich ihm, das sich dem Betrachter ausliefert, hinzugeben.

Eines öffnet die Tür zum Licht. Die Sehnsucht ist schon hindurchgeschlüpft. Und man steht vergessend, sieht. Sieht.

Ein anderes schmerzt unter lichter Gewalt. Verwurzelt in Erde und Himmel, berstend aus der Achse gerissen. Schon rinnt blaues Licht aus dem Boden.

Was mehr?
Kann man es überhaupt allein mit so einem Bild im Raum aushalten?


Und da, sind das Bäume oder sind es Menschen? Sich erhebend Wurzelnde, liebend einander freilassend, umkreisen den Blick füreinander, nackt für solches Licht in ihrer Mitte, das sie zueinander umfängt.

Ich verschwinde für einige Augenblicke aus diesem Drumherum, wie vorhin zu zweit aus dem S-Bahnhof.


Aber die Vernissage holt mich doch wieder ein. Und das ist ja das eigentliche: Menschen. Und da sprechen mich plötzlich Leute an, die mein Gesicht, diesen blog kennen. Plötzlich weiß man, dass es jemand gelesen hat. Jemand, der mir das erste Mal in echt begegnet.

Nur etwas daran irritiert mich völlig: Sie sprechen mich erstmal mit "Sie" an. Ich hab noch zu niemandem in der Bewegung "Sie" gesagt.

Ich tu es auch jetzt nicht. Es bringt mich schier ganz durcheinander. Wenn Du also einer von denen bist, die mich dort das erste Mal getroffen haben, dann entschuldige, falls ich etwas daneben gewesen sein sollte.

Ich fühle mich wie eines von Annemaries Bildern, wie es ratlos auf einer Vernissage im Rathaus steht.
Ehmm, ja.

Ich verschwinde dann mal ganz ungeniert hinter meiner Färbung.

Nein, ich bin noch da. Ah, da ist Annemarie. Und da kommt Dieter. Lebendige Ikonen sind doch die besten. Die von Gott gemachten.
Auch wenn Annemaries Bilder sowas wie lebendig sind.

Jedes Bild hat seinen Heiligen, sagt Annemarie zu uns. Ich glaube, der beschützt gar nicht so viel das Bild. Der hilft den Leuten, die es anschauen, ins Reich Gottes zu sehen. Wie Heilige und Ikonen das eben so machen.

Andrew wartet schon. Bis bald.

Dienstag, 24. November 2009

Ausstellung: Annemarie Baumgarten / Hung

Annemarie Baumgarten, Frankfurt, stellt ihre Werke aus. Die unbedingt sehenswerten Bilder hat sie unter den Titel
Metamorphosen auf Mutter Erde
gestellt. Zu sehen sind noch bis 11. Dezember 2009 einige ältere sowie die ganz neuen Werke.

Passend dazu hat auch der in Hong Kong geborene, in Loppiano, Italien lebende Künstler Hung einiges aus seinem Werk ausgewählt. Die metallenen Skulpturen lenken den Blick, indem sie reduzieren, auf unwesentliches verzichten. Sie lassen weg und gefüllter Leerraum bleibt übrig.

Gestern Abend wurde die Ausstellung in Kriftel gemeinsam mit den Künstlern und vielen Freunden und anwesenden Gästen vom Vorsitzenden des Kulturforums Kriftel, das die Künstler zu der Ausstellung eingeladen hat, mit Sekt, Laudatio und Musik eröffnet.


Rat- und Bürgerhaus Kriftel
Foyer (Erdgeschoß + 1. Stock)
Frankfurter Straße 33-37
65830 Kriftel

Geöffnet:
Montag - Mittwoch: 8 bis 16 Uhr
Donnerstag: 8 bis 18 Uhr
Freitag: 8 bis 12 Uhr

S-Bahnstation Kriftel
--> von Frankfurt kommend in Fahrtrichtung rechts --> Bahnhofstraße
--> bis Frankfurter Straße (erste größere Straße, Uhr gegenüber)
--> rechts --> auf der linken Straßenseite

Bild rechts: "Geprüft im Feuer"
Danke, Annemarie, für die Erlaubnis, es hier zu zeigen!

Montag, 23. November 2009

Arm oder reich?

Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.
Matthäus 19,24


Ein Kamel durch ein Nadelöhr buksieren, stelle ich mir eher anstrengend vor. Und ich vermute, es bleibt vom Kamel nicht so recht was übrig dabei.

Für deutsche Verhältnisse würde mich sicher kein Mensch als reich einstufen. Wenn ich aber nach Indien blicke oder in afrikanische Staaten, dann bin ich mir fast sicher, dass ich demnächst im Reichtum ersticken werde!


Manchmal denke ich: Dieses vollgestopfte Zimmer! Und dann wünsche ich mir manchmal ein ganz leeres Zimmer herbei.

Aber leere Zimmer in Deutschland - nun, das können sich hier nur reiche Leute leisten, nicht war? Alle anderen Leben in allen Zimmern, die sie haben. Alle anderen heben auf.

Seltsam ist das schon.
Was aber noch seltsamer ist, ist die Tatsache, dass die Reichen immer denken, dass die anderen ja gar nicht so viel brauchen. Also ich z.B. dass die in Indien - ja was eigentlich?

Essen, einen sicheren Schlafplatz, Hygiene, Gesundheitsversorgung, frisches Wasser, Kleidung, das braucht jeder. Und dann sind da noch die Grundlagen, um am sozialen Leben teil zu haben. Und die sind, was sich unterscheidet.
Aber die sind auch nicht festgelegt, wir können sie gestalten. Es müsste nicht so sein, dass jeder seine Wohnung mit Zeug vollstopft, das er irgendwann mal brauchen könnte. Wieso ist das Zeug inzwischen nicht bei denen, die es brauchen? Wieso kommt nicht das, was nötig ist, dann wenn wir es brauchen?

Oder käme es vielleicht? Und wir sind nur nicht bereit, darum zu bitten?


Warum sind wir so bettel-arm in unserem Reichtum? Vielleicht, weil wir die berufsmäßigen Bettler auf den Straßen so widerlich finden. Und weil uns die Bettelbriefe irgendwelcher mehr oder weniger obskurer Organisationen den Glauben daran, dass unsere kleine Barmherzigkeit etwas bewirkt, gänzlich zerstören. Und weil wir "nach oben" wollen und uns erzählt wird, in Deutschland führen die Armen nagelneue BMWs.

Aber reich ist doch auch niemand, oder? Reich sind doch immer "die anderen", "die da oben", die "Großkopferden". Wer würde sich selbst schon zu "den Reichen" zählen. Das klingt doch schon so verdächtig nach: Dann will vielleicht wer was von mir.

Wir wissen nur, wie man teilt, aber nicht, wie man miteinander teilt. Drum braucht jedes Kind einen eigenen Fernseher.

Jedem seime eigene Einsamkeit. Seine eigenen Papierstapel. Seine eigenen Wahlprogramme.

Kein Wunder, dass dafür kein Platz ist im Reich Gottes.

Montag, 9. November 2009

Tag Geistlicher Gemeinschaften

Der diesjährige "Tag Geistlicher Gemeinschaften" hat am Samstag in Würzburg stattgefunden. Ich bin dabei gewesen und habe Fotos gemacht.

Ein bis hinten gefüllter Dom, einschließlich bestuhlter Querschiffe.
Mitglieder von Geistlichen Gemeinschaften aus dem evangelischen (von Landeskirche bis Freie Gemeinden), katholischen und auch orthodoxen Bereich trafen sich einen Tag lang, um ein Zeichen zu setzen, dass sie als Christen "Gemeinsam für Europa" unterwegs sind.

Die Entdeckungsreise auf der Suche nach dem Reichtum der Charismen, die sich in den unterschiedlichen Gemeinschaften ausformen, hatte 2004 auf einem Kongress in Stuttgart begonnen. Seitdem ist viel gewachsen und es wurden 7 "Ja" formuliert, die von allen getragen sind:
  • Ein Ja zum Leben von Beginn bis zuletzt.
  • Ein Ja zu Ehe und Familie
  • Ein Ja zur chöpfung
  • Ein Ja zur Wirtschaft
  • Ein Ja zur Solidarität mit Armen und benachteligten Menschen
  • Ein Ja zum Frieden
  • Ein Ja zur Verantwortung für unsere Gesellschaft.

Montag, 2. November 2009

Liebe Chiara...

Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.
Matthäus 19,24


Den Reichtum nicht zu Gott machen - Ja, Chiara, schon recht. Ich hab das schon 100 Mal gehört.

Mammon herrscht. Wissen wir ja. Und das nennt man bei uns Kultur. Und...

Und was?

Wenn's nur drum ginge, nicht am Geld zu hängen - ich häng ja gar nicht dran. Ich gebe es zwangsläufig aus. Viel ist auf meinem Konto sowieso nicht drauf, was ich ausgeben könnte.

Aber ich glaube wirklich, dass Du recht hast: Jesus sagt nichts umsonst.

Und wenn ich mal den Modus wechseln darf: Mich treibt die Frage um, wie das ist mit dem Teilen. Wir tun gerne so, wie wenn wir die Finanzen mit den "wirklichen" Beziehungen gar nichts zu tun hätten. Und das stimmt natürlich nicht.

Es ist vielmehr so, dass die Art, wie wir mit Geld und Gütern umgehen, extrem viel damit zu tun hat, wie wir über uns selbst und den anderen Menschen denken.

Ich kann mir ganz unmöglich noch vorstellen, dass echte, tiefe Gemeinschaft zwischen Menschen überhaupt möglich ist, wenn wir einen Teil, nämlich die Dinge, die wir in der materiellen Welt benötigen, ausblenden und so tun, wie wenn sie gar nichts zur Sache täten.
Ich bin sogar überzeugt, dass ein Großteil unserer Einsamkeit genau daher kommt.

Armut zu verharmlosen oder sogar zu idealisieren, ist zynisch.
Und wir sollten uns hüten, das Evangelium so zu spiritualisieren, dass nur noch harmlos lauwarme Gedankenbrühe rausfließt, die uns ein wenig warm ums Herz macht.

Als Ihr damals im Luftschutzkeller saßt, Chiara, und Ihr habt im Evangelium gelesen, da ist es nicht beim Lesen allein geblieben. Ihr habt geholfen mit dem, was ihr hattet, dem wenigen an Gütern und mit Euren Händen. Es ist kein Zufall, dass in der Fokolarbewegung die finanzielle Seite ganz selbstverständlich dazu gehört wie die organisatorische, die geistliche usw. Ihr habt einfach nie aufgehört zu teilen.

In Wirklichkeit brauche ich den Großteil dessen, was ich besitze, nur gelegentlich, die restliche Zeit liegt es rum. Und alles besitzen, um für jeden erdenklichen Fall ausgestattet zu sein, ist nicht nur utopisch, sondern lächerlich.

Meine Ängste waren in dem Moment verschwunden, wo ich echte Gemeinschaft erlebt habe, die jeden sieht in seiner Eigenart. Die ihn ganz einbindet und ihn dabei frei lässt.

Das ist, wenn die Gegenwart Christi sich in der Liebe konkretisiert, die alle verbindet. Wenn also der Gott, von dem Johannes sagt: "Gott ist Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm." (1. Brief des Johannes 4,16) - wenn der unter uns herrscht.
Liebe in Gott ist beständiger Austausch.

Wer an seinem Besitzstand festhalten will, wird sich fern halten von dieser Gemeinschaft.
Man kann nicht zwei Göttern dienen.

Oder wie Jesus es sagt:
Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.
Matthäus 6, 24

Sonntag, 1. November 2009

Korrelation

Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Matthäus 19,24


Das ist doch mal ein Wort:

Reiche raus aus dem Himmel!



Kein Platz im Reich Gottes für Bonzen und "Großkopferde"!
No go für korrupte Manager!

Und das war's dann wohl mit dem Himmel. Wir hier in Deutschland passen allesamt nicht durch's Nadelöhr.

 Wie gut, dass die Szene noch weiter geht. Den Jüngern geht's nämlich nicht besser als uns:
Als das die Jünger hörten, waren sie entsetzt: "Wer kann dann überhaupt gerettet werden?", sagten sie. Jesus sah sie an: "Für Menschen ist das ganz unmöglich. Für Gott ist alles möglich."
Ja, da stehen wir nun. Hat alles gar nichts mit Reichtum zu tun, wie wir sehen, wir kommen sowieso nicht rein. Nur Gott kommt rein. Oder wen Gott hineinbuksiert.


Jesus sagt nichts umsonst? Ja das kann ich bestätigen.

Er sagt also das mit dem Reichtum auch nicht umsonst. Dann muss es einen Grund geben, dass Reichtum und Reich Gottes einander ausschließen, oder? Mag Gott keine reichen Leute und lässt sie deshalb draußen stehen?

Nein, also wirklich nicht. Das ist überhaupt nicht der Gott, den ich kenne. Ein Gott, der einem nichts gönnt? Und bei allem schönen schon hämisch grinst und sich die Hände reibt, weil er weiß: Das dicke Ende kommt noch?
Das erinnert verdächtig an eine Fratze des Teufels, wie man ihn auf Karrikaturen finden kann.

Wenn wir schon dabei sind: Es gibt auch noch die Märchen, die von einem "Pakt mit dem Teufel" erzählen, in denen jemand reich wird, indem er dem Teufel seine Seele verkauft. Das ist zwar eine schön bildhafte Darstellung der Tatsache, dass man seine Seele um nichts in der Welt aufs Spiel setzen sollte.
Dass jeder, der sich fern von Gott aufhält, deshalb schon reich würde, wäre allerdings ein ebenso großer Fehlschluss wie der umgekehrte, dass jeder, der Geld hat, allein deshalb "des Teufels" wäre. Das behauptet nicht mal das Märchen.

Also was nu?
Es gibt logisch eine andere Möglichkeit als dass entweder
  • der Zugang zum Himmel durch Reichtum blockiert ist oder
  • Reichtum eine Folge dessen ist, dass man nicht hinein kommt.
Es könnte auch sein, dass
  • beides eine gemeinsame Ursache hat.
Dann treten beide Phänomene zwar häufig oder immer gleichzeitig auf, bedingen einander jedoch nicht. Also beispielsweise: Dass in Offenbach ein Haus abbrennt und dass Tina  wach wird, heißt nicht, das Tina irgendwas vom brennenden Haus weiß oder dass das Haus abbrennt, weil Tina aufwacht. Möglicherweise ist es aber derselbe Blitzeinschlag, der das Haus in Brand setzt und Tina aus dem Schlaf schreckt.

Dies ist übrigens einer der wichtigsten Gründe, warum man nicht alles glauben sollte, was in den Medien berichtet wird.

Gibt es eine gemeinsame Ursache dafür, dass man in das Reich Gottes hinein kommt und dass jemand nicht reich sein kann?
Antwort: Klar. Gott selber.

Reich ist man immer gemessen an einem anderen, der sehr viel weniger hat. Andernfalls nennt ihn niemand reich, sondern hält es für einen Normalzustand.

Und das ist genau die Frage, wenn wir reich sind: Wer ist der andere, der weniger hat, erheblich weniger hat?
Gott zu lieben und den Nächten zu lieben ist dasselbe, sagt Jesus (Matthäus 22, 36-39).
Wer Jesus begegnet, beginnt den anderen als bedürftigen Menschen wahr zu nehmen. Genau das erzählt die Geschichte vom Zöllner Zachäus: Er verschenkte die Hälfte von seinem Besitz und gab vierfach zurück, was er unrechtmäßig erworben hatte. Es geht nicht darum, dass er selbst zum Bettler wird, es geh darum, dass er anfängt zu teilen.

Andererseits ist das "Reich Gottes" nichts anderes als der Herrschaftsbereich Gottes. Wer von Gott nichts wissen will, geht dem aus dem Weg. Die Liebe Gottes kann aber niemanden gegen seinen Willen in die Gemeinschaft mit Gott zwingen.

Wer den anderen - den "Nächsten", wie das biblisch heißt - nicht sehen will, der kann sich auch nicht Gott nähern, in dem die Wahrheit ist, denn tut er dies, wird er erst sich selbst in einem anderen Licht sehen und dann den anderen.

Bei Gott aber ist alles möglich.

Verwalter von Gottes Gütern

Wort des Lebens November 2009:

Der für November ausgewählte Text ist
Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. (Matthäus 19,24)

Chiara Lubich schreibt dazu:
"Macht uns dieses Wort betroffen?... Jesus hat seine Worte nie nur so dahingesagt...

...was Jesus... meint,... wie er selbst sich Reichen gegenüber verhält... Zu Zachäus, der nur die Hälfte seines Besitzes gibt, sagt er: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden.“...

Alles gehört Gott. Doch Reiche verhalten sich oft so, als ob die Güter ihnen gehörten. ...der viel besitzt... soll das Bewusstsein haben, dass er nur Verwalter seiner Güter ist...

Wenn die Güter dieser Welt nicht in sich schlecht sind, sollte man sie auch nicht verachten...
Auch jemand, der alles verlassen hat, um Christus zu folgen, kann sein Herz noch an tausend Dinge hängen. Und ein Armer, der flucht, weil man seinen Bettelsack anrührt, kann vor Gott reich sein."

Ganzer Text auf der Seite der Fokolarbewegung.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Mariapoli 2010 Hübingen

Vom 7. - 11. Juli 2010 werden wir das Waldferiendorf Hübingen im Westerwald zu einer kleinen "Stadt" auf Zeit machen. "Mariapoli" heißt das in der Fokolarbewegung.
Wir haben am Wochenende schon mal eine kleine Erkundungstour nach Hübingen gemacht und die Planungen in Gang gesetzt.

Und hier sind die Fotos vom Gelände.

Dienstag, 13. Oktober 2009

Gegen falschen Heroismus

Wort des Lebens Oktober 2009:

„Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“
Lukas 21,19
Wenn ich lese: "Wir waren bereit, füreinander zu sterben" (Chiara Lubich) oder noch mehr "Wir müssen bereit sein, füreinander zu sterben", dann weiß ich nicht recht, was ich davon halten soll. Verliebte reden so. Jugendliche Idealisten manchmal.

Ich bin dazu nicht bereit. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Da tauchen Bilder von Folteropfern vor mir auf, die Amnesty International veröffentlicht hat. Ich erinnere mich an angebliche Hexen und Häretiker, die unter den Augen der Kirche lebendig verbrannt wurden, und wie man mit der einheimischen Bevölkerung in Amerika verfuhr. Ich sehe vor mir die versammelten  Grausamkeiten in den Konzentrationslagern der Nazis und die Bestialität, mit der der Völkermord in Ruanda getobt hat. Nein, keinesfalls bin ich bereit, mich so quälen zu lassen.

Ich bin kein Held. Und wenn der Heilige Laurentius noch so heilig wäre: Ich will dennoch nicht bei lebendigem Leib gegrillt werden.


Es wäre einfach gelogen, wenn ich behaupten würde, ich bin dazu bereit.


Ich habe alle erdenklichen Greuel im Kopf, zu denen Menschen fähig sind. Ich bin mir sicher, dass ich ebenfalls zu solchem Verhalten imstande bin, und ganz bestimmt dazu, zuzulassen dass anderen dies geschieht.

Ich bin nicht Jesus. Er mag die unaussprechliche Liebe in sich gehabt haben, die alle umfasst und allen Schmerz und alles Leid erduldet.


Ich liebe das Leben viel zu sehr. Ich halte nichts von heroischen Wörtereien.
Ich glaube jemandem das bestenfalls, wo der alltägliche "Kleinkram" davon spricht.

Und was mich angeht: Ich überlasse das dem, der die Liebe ist. Soll er doch tun, was er will...


(Bild: Marie-Lan Nguyen (Jastrow), Wikimedia Commens)

Sonntag, 11. Oktober 2009

Der Liebe sich Überlassen

Wort des Lebens Oktober 2009:
„Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“
Lukas 21,19
Dieses Wort hat zuerst eine Zeichnung hervorgebracht, dann Gedanken darüber, was Standhaftigkeit ist.  Aber so recht befriedigt mich das nicht.

Meine Gegenwart scheint nicht recht dazu zu passen. Bin ich doch eben erst in die Bewegung "hineingeraten" und darin ist eher etwas in Bewegung gekommen als dass ich irgend jemandem widerstehen müsste.

Ich hatte die Jahre zuvor einiges erlebt, was eher anderer Menschen Grenzen sichtbar gemacht hatte als dass ich in der Sache viel dazu hätte tun können. Und jetzt irritiert mich ein unbehinderter Fluss.
Standhaftigkeit ist nicht nur manchmal ansteckend, wie Chiara sagt, in gewissem Sinn gewöhnt man sich sogar daran, selbst, wie ungewollt das auch geschieht, Widerstand zu sein.

Doch wenn ich nicht in unmittelbarer Bedrängnis bin, ist Jesus selbst noch immer eine Herausforderung. Da zeigt sich, was "standhalten" im Innersten ist: Sich seiner Liebe überlassen.

Du
steigst hinab ins Totenreich meiner Seele
tauchst in die Tiefe der See, wo die Wrackteile alter Schiffe liegen
besuchst die ausgestorbenen Bahnhöfe einer entlassenen Zeit
wanderst über den Todesstreifen verschlossener Grenzen
erweckst zum Leben die Gott-verlassene Kindheit
entfaltest die vertrocknete Armut in mir zu Farbpulver
durchlebst den Meeresgrund wie Sonar mit dem Echo Deines Todesschreis: Warum hast du mich verlassen?

Dienstag, 6. Oktober 2009

Jesus gewinnen

Wort des Lebens Oktober 2009
„Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“
Lukas 21,19


Ich bin schon ein paar Mal in Situationen gewesen, wo ich standhalten musste. Und ich kann Euch sagen, das ist gar nicht lustig gewesen.
Die Erinnerung ist nichts von einem Triumpfgefühl.

Man wird euch festnehmen und verfolgen. Vor Gerichte bringen, ins Gefängnis werfen, vor Machthaber zerren. Alles wegen Jesus. Dann habt ihr Gelegenheit, Zeugnis abzulegen.
So geht der Textabschnitt los, aus dem das Wort des Lebens vom Oktober stammt. Schöne Aussicht.

Es ist knallehart. Auch wenn der Geist die richtigen Worte eingibt, wie es weiter heißt. Das tut er auch. Nur wird es davon noch alles andere als ein sommerlicher Abendspaziergang. Du bist es immer noch selber, der es erleidet.


Standhalten ist was anderes als Recht behalten. Was anderes als seine Meinung durchpeitschen. Als Härte zeigen oder sich durchsetzen. Auch nicht den Glauben brüllend verteidigen oder die Muskeln spielen lassen.
Dieses Standhalten, um das es hier geht, ist ein Festhalten an der Liebe, auch da, wo man keine erfährt.


Festhalten an dem, was man als wahr erkannt hat, ohne dem Unverständnis mit Gebrüll, Hohn oder Gewaltmitteln zu begegnen. Ohne mit "gleicher Münze" heimzuzahlen. Das bedeutet, es auszuhalten, dass es weh tut.
Mir, nicht dem anderen.

Es tut weh, sich nicht abzuwenden von Demütigung, die man erleidet. Am liebsten würden wir draufschlagen statt allein mit vernünftigen Argumenten dagegen zu halten.

Gedemütigte Menschen sind gefährlich. Gegen die rasende Wut und tödliche Gewalt in mir, wenn sie schon da ist, gibt es nur ein Mittel: Sie ansehen als das, was sie ist, und aushalten, dass ich so bin. Ich habe nicht recht, wenn ich mir rausnehme, mit "Recht" Rache nehmen zu wollen. Menschlich verständlich ist das. Der Liebe des Gekreuzigten widerspricht es.

In der Begegnung mit Jesus geschieht dreierlei:
  • Ich erkenne, dass ich nicht in seiner Liebe bin.
  • Ich werde dennoch von ihm angenommen und von seiner Liebe umfangen. 
  • Ich werde verändert. Verantwortungsbereiter. Freier.  Liebevoller. Ihm ähnlicher.
Alles das geschieht zusammen, eines nicht ohne das andere.


Je mehr ich in sein Bild verwandelt werde und dabei lerne, was das ist, was er gelebt hat, desto mehr beginne ich den anderen zu sehen. Auch den, der mich nicht freundlich empfängt. "Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner?  Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?", sagt Jesus in der Bergpredigt (Matthäus 5, 46-47).
Den sehen, der in seinem Nicht-Verstehen nach Leben hungert, und in seinem Angriff seine Wunden zu schützen sucht.

Ich lerne zu lieben, wo nichts für den anderen zu sprechen scheint. Wo mir tatsächlich und wahrhaftig Unrecht geschieht.
So ist es Jesus selbst gegangen.


Nein, das rechtfertigt nicht das Tun des anderen, und ich soll auch nicht alles stehen lassen, sonst werden Dritte davon betroffen. Im Gegenteil. Manchmal muss ich dann was sagen, wenn ich mit Widerstand rechnen kann. Ich habe vielleicht Angst davor. Wahrscheinlich habe ich Angst.

Keiner wird aber klüger davon, dass ich mich genauso aufführe.
Keiner wird liebevoller davon, dass ich die Liebe aussetze.


Die Liebe "in Kraft setzen" ist das Anliegen Jesu. Aushalten kann ich das nur, wenn Jesus in mir lebt, mit seinen Wunden, seiner Angst und seiner Einsamkeit. Er, der Gerechte, der den Verbrechern und Verdammten zugerechnet wurde.

Wer diesen Menschen liebt, wer bei ihm steht in seiner Liebe und nicht mehr an Rache denkt, der ist frei von den Todesmächten, die nach uns greifen. Der hat gewonnen. Der hat ihn, Jesus, das Leben.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Nur Mut!

Wort des Lebens Oktober 2009

Der für Oktober ausgewählte Text ist
„Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“
Lukas 21,19

Chiara Lubich schreibt dazu:
"...Wenn man leidet, mit Versuchungen kämpft, den Mut zu verlieren droht... braucht man... Standhaftigkeit...
Wer Christus nachfolgen will, nimmt täglich sein Kreuz auf sich und sagt... ja zum Schmerz... Es gibt Menschen, die die Einladung zum Christsein vernehmen, aber ... die anfängliche Begeisterung ist wie ein Strohfeuer, von dem nichts bleibt...
Wenn wir Christen sein wollen, genügt es nicht, getauft zu sein... Wachstum im geistlichen Leben geschieht nicht zuletzt durch Prüfungen, Schmerzen, Hindernisse und Kämpfe...
Wirklich standhaft ist, wer liebt... Fassen wir neuen Mut... in der Nachfolge Christi... und wir werden das Leben gewinnen." Ganzer Text auf der Website der Fokolarbewegung

Mittwoch, 30. September 2009

Mit der Bibel leben

Wer will in der Flut von Informationen, von der wir tagtäglich überschüttet wird, auch noch die Bibel lesen?
Eine langweilige Lektüre...oder?

Wichtig ist, dass man die Bibel nicht liest, wie wenn es ein Telefonbuch oder eine Bedienungsanleitung wäre, sondern dass man fragt: "Was hat das mit mir zu tun?"
Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.
Matthäus 6,33
Ich kann z.B. fragen:
  • Wo ist schon ein Stück "Reich Gottes" da?
  • Wo habe ich schon mal was erlebt, was sich nach "Reich Gottes" angefühlt hat?
  • Was erwarte ich von Gott?
  • Wo halte ich an Vorstellungen fest, die gar nicht ins Reich Gottes passen?
  • Glaube ich überhaupt, dass Gott in der Welt wirkt?
  • Was möchte Gott jetzt von mir?
  • Was bedeutet "Liebe Gottes" konkret in meiner Umgebung?
  • Was bedeutet es, das Reich Gottes zu suchen, für mein Leben in meine Familie, an meinem Arbeitsplatz / in meiner Schule, mit Freunden und Bekannten, mit Fremden?
Nur wenn die Bibel etwas mit meinem Leben zu tun hat, macht es ganz wörtlich "Sinn", darin zu lesen. Dann wird es relevant.

Ich mache einen ganz anderen Schwerpunkt als Chiara. Obwohl beides sich nicht widerspricht, erlebe ich mit dem Text genau das, was er mir jetzt in dieser Situation sagt.

Wenn ich den Text ein halbes Jahr später wieder lese, fällt mir ganz was anderes ein vielleicht...

Dienstag, 15. September 2009

Willkommen!


Ja, der ist neu!
Neuer Blog. Willkommen!
Jeden Monat geht's um einen Bibeltext.
Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.
Matthäus 6,33
Jeder, der mit einem solchen Text umgeht, geht einen eigenen Weg.


Die kurze Geschichte dieses Blogs
Einige Jahre lang nach meinem Übertritt in die Katholische Kirche war ich viel mit Dingen beschäftigt, die für mich neu waren oder wo ich nicht wusste, wie es geht. Natürlich habe ich auch Kontakte geknüpft und manchmal auch Frust erlebt.

Doch zunehmend begann ich wieder zu fragen: Was ist meine Berufung? Wo ist mein Platz in der Kirche?
Ich bin mir sicher, dass es diese Menschen geben muss, nach denen ich suche. Kirche ist kein Trip für Individualisten. Ich will mehr. Ich will nicht nur reden, ich will es leben, und wie geht das...?

Vor ein paar Wochen landete ich auf der Web-Site der Fokolarbewegung an. Anders wirtschaften, da bleib ich hängen, das faszinierte mich.
Das war eine Frage, die ich seit Jahren stellte: Wie können wir wirtschaften und dabei Christen bleiben? Wie kann Arbeit und Ökonomie ein menschliches Gesicht bekommen? - Sollte es das, wonach ich fahndete, schon geben?

Umfassende Einheit in der Vielgestaltigkeit der geschaffenen Welt - Ökumene, der Dialog auch mit Atheisten und Andersgläubigen und freilich innerhalb der Kirche mit ihren so vielfältigen Meinungen und unterschiedlichen Lebensweisen; weltweite Zusammengehörigkeit, Einbeziehen des finanziellen Aspekts; und das alles eingebettet in die Kirche: All das waren ohnehin "meine" Themen. Konnte das wahr sein?

Es war klar: Ich musste das überprüfen. Vielleicht war das ja nur ein Klub von heißgelaufenen Idealisten?
Ich klappte die Kontaktseite aus: Da gab es doch tatsächlich ein Fokolar in Frankfurt. Von früheren Nachbarn wusste ich, dass da Leute wohnen, dass das aber auch als so eine Art Zentrum für die anderen dient, die anderswo wohnen. Na ja, eben als  "Feuerstelle" oder "Herd", was Focolare ja heißt. Also mailte ich direkt ans Frankfurter Fokolar.

Und, klar, ich bekam Antwort. Und wurde eingeladen.

Gabi nahm sich viel Zeit, um mir etwas darüber zu erzählen und hörte zu, was ich suchte. Mein durchweg skeptisches Wesens konnte keinen Grund finden, mich nicht darauf näher einzulassen.

Sie gab mir auch das "Wort des Lebens" in gedruckter Form mit. Das klebte ich neben mein Bett an den Schrank.

Wie praktisch, dachte ich, wenn du jemanden von den Focolari triffst, hast du immer was, um ins Gespräch zu kommen. Egal wo jemand her kommt.

Vor allem aber: Passte das nicht genau zu meiner Situation? Das Reich Gottes suchen. Ja, aber wirklich hingehen und schauen, wo es ist! Das war es doch, wonach ich suchte. Nur wollte ich mich mit einer "rein geistigen" Größe, wie ich sie oft angepriesen fand, nicht abfinden. Es musste irgendwo konkret werden. Jesus hat etwas zu den Menschen gebracht, nicht Märchen erzählt.


Heute morgen hatte ich die Idee, das "Wort des Lebens" in einen neuen Blog zu packen. Warum nicht die Gedanken dazu und die Erfahrungen damit auch von zuhause aus mit anderen teilen? Warum nicht ein Forum bereitstellen, das anderen ermöglicht, dasselbe zu tun? Meinen ersten Text (es wurde nachher der zweite Eintrag) hatte ich ohnehin fast fertig. Ich hatte Gabi meine ersten Ideen zum "Wort des Lebens" per Email zugeschickt, das brauchte ich nur zu überarbeiten...


So entstand dieser Blog, und ich hoffe, er gefällt Euch! Lebendig ist das Wort des Lebens! Drum zückt auch gleich den Bleistift - äh, ran an die Tastatur - und macht munter mit.